Tell me a story!

Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Ch.1

Es begann ganz normal.

Wie alles immer ganz normal beginnt, bevor es sich urplötzlich wandelt und verändert, ins Gegenteil umschlägt, wortwörtlich unnormal wird, seltsam.

Es begann alles ganz normal. Auf einer Party.

Einer ganz normalen Highschool-Party, vielleicht mit etwas mehr Alkohol als normalerweise und etwas weniger Sex.

Aber sonst war alles ganz normal.

Die gleichen billigen Biersorten wie jedes Jahr, die gleichen verschwitzten Körper, die sich im Tanzen oder anderen Situationen eng aneinander drückten, die gleichen jungen Erwachsenen, die man auf diesen Partys immer antraf.

“Was genau machen wir hier?” Samuel quetschte sich nervös an Nessa, als sie völlig selbstbewusst und ohne zu zögern die Villa eines Mädchens betraten, das Samuel nicht ansatzweise kannte, und Nessa auch nur, weil sie beide im gleichen Mathekurs waren.

“Wir gehen auf eine Party!” Nessas Stimme klang fröhlich, Sam hörte aber, dass sie sich dazu zwang. So etwas hörte er immer. Das wusste Nessa, trotzdem tat sie fröhlich. “Wir müssen dich Nesthocker immerhin irgendwann mal in die Gesellschaft einführen!” Sie umarmte, ohne ihre Ansprache zu unterbrechen, ein anderes Mädchen, das mit ihrem Stöckelschuhen gut zehn Zentimeter größer als Nessa war, und sie mit ihren überdimensionalen Brüsten fast erstickte.

Das schien die kleine Blondhaarige überhaupt nicht zu stören. Sie ging nach der Umarmung einfach weiter, tiefer in das Gedränge ihrer Mitschüler, von denen sie die Hälfte vielleicht kannte, und die Hälfte dieser Hälfte auch beim Namen.

“Können wir wieder gehen?” Samuel klammerte sich an ihre Hand, und Nessa lachte auf, mitfühlend aber auch belustigt.

“Sam, wir sind nicht einmal fünf Minuten hier!”

“Das sind mir schon nicht einmal fünf Minuten zu viel!”, jammerte er und stöhnte unterdrückt auf, als sich ein Ellenbogen in seine Seite rammte. Der Besitzer war allerdings sofort wieder weg ohne sich zu entschuldigen, er hatte wahrscheinlich gar nichts mitgekriegt.

Seine beste Freundin antwortete ihm nicht, sondern zog ihn in die Küche, wo die Hausherrin an den Bierkisten stand.

“Hi”, begrüßte Nessa sie mit lauter Stimme, da die Musik alles übertönte. Das Mädchen mit der schokobraunen Mähne drehte sich um und lächelte. Es war kein echtes Lächeln, sondern eines dieser, das man jedem schenkte, den man sah und nicht beleidigen wollte.

“Hi. Valerie, oder?”

“Vanessa.” Die beiden reichten sich die Hände.

“Und der Schnucki-Sam!” Samuel lief rot an, während er überlegte, wieso sich seinen Namen alle merken konnten, aber Vanessas immer nach ein paar Minuten vergessen hatten.

“J-ja”, stotterte er etwas überfordert und wurde in eine Umarmung gezogen, die ihm definitiv zu anzüglich war. Er löste sich schnell.

“Amüsiert euch einfach!”, rief das brünette Mädchen laut und drehte sich wieder zu ihrem Gesprächspartner um.

Nessa zog Sam diskret zurück. “Was hältst du von ihr?”, fragte sie mit einem neckischen Grinsen und lachte amüsiert, als sie Sams entsetzten Gesichtsausdruck sah.

“Ist das dein Ernst? Wir sind hier, um deinem vergeblichen Versuch, mich zu verkuppeln, eine neue Chance zu verpassen?” Sie grinste als Antwort nur. “Und was ist mit dir?”, gab Sam schnell zurück.

Nessa legte den Kopf schief. “Kein Interesse.”

“Ich genauso wenig!!” Wieso lachte sie ihn aus? Das war ziemlich unfair!

Aber sie ging nicht weiter darauf ein.

Sie waren erst eine halbe Stunde da. Trotzdem konnte Nessa nicht abstreiten, dass auch sie sich von Anfang an Fehl am Platz vor gekommen war.

“Ich gehe kurz auf die Toilette”, rief sie Sam zu, der nur abwesend nickte und weiterhin in seine Cola starrte.

Sie stand auf, strich die etwas plattgesessene Jeans glatt, und bahnte sich ihren Weg durch die verschwitzte Menge.

Das Haus war riesig. Nessa war noch nie hier gewesen. Und hatte daher keine Ahnung, wo die ersehnten Waschräume waren.

Und alle, die sie sah, waren nur heftig am rum knutschen, oder trieben noch wildere Dinge. Igitt!

Außer-

Ihre Augen weiteten sich überrascht, als sie einen allein stehenden, jungen Mann entdeckte, der bei Weitem keinen Grund hatte, alleine zu stehen.

Er war gut 1,80 groß und überragte damit die meisten Anwesenden, und Nessa auch um gut zwanzig Zentimeter. Seine dunklen, fast schwarzen Haare wiesen einen leichten, nicht altersbedingten Grauschimmer auf und waren zurück gestrichen, um seinen hellen, fast blassen Augen freie Sicht zu lassen.

Er trug ein schwarzes, ärmelloses Kapuzenshirt, das seine Muskeln unheimlich gut betonte. Und jede noch so winzige Bewegung dieser, während er sich suchend umsah, zeigte die Narben, die wirklich überall waren. Zumindest auf den Armen, weiter sah sie ja nicht viel-

Nessa räusperte sich, um sich selbst aus diesem seltsamen Gedanken zu reißen, und registrierte gleichzeitig, wie heiß ihre Wangen geworden waren. Verdammt!

Aber er schien hier der Einzige Ansprechpartner zu sein. Also ging sie zielstrebig auf ihn zu.

“Hey”, grüßte sie ihn über die Musik hinweg, während sie vor ihm stehen blieb und sich leicht vorbeugte, um nicht zu sehr schreien zu müssen und ihn besser verstehen zu können. “Hast du eine Ahnung, wo hier das Badezimmer ist?” Er sah sie überrascht an, als hätte er sie jetzt erst bemerkt oder sei verwirrt, sie zu sehen. “Die Toilette! Ich muss mal eben für kleine Mädchen.” Als nächstes bekam sie einen befremdlichen, verständnislosen Blick zugeworfen, und Nessa verdrehte die Augen. “Ich- Ach, vergiss es!”

Sie drehte ihm den Rücken zu und stapfte den schmalen Flur neben ihm alleine weiter hinunter. “Spinner”, grummelte sie dabei leise vor sich hin. War ja klar. Die heißen, sexy Typen waren entweder totale Macker oder hatten einen an der Waffel.

Wieder fiel Nessa überrascht auf, was sie gerade gedacht hatte. Heiß? Sexy?

Was zum Kuckuck war denn los mit ihr? Sie brauchte dringend kaltes Wasser! Ihr war sowieso schon schummrig von der stickigen Luft.

“Wer war das denn?” Ein blondes Mädchen, klein aber ausdrucksstark, pirschte sich wortwörtlich an den Jungen ran, der Nessa immer noch nach sah, mit verwirrten Gesichtsausdruck. Sie war ähnlich praktisch gekleidet wie der Junge, nur hatte sie ein vorhandenes Modebewusstsein, weshalb alles ein wenig klassischer auf einander und auf die Veranstaltung angepasst war.

“Keine Ahnung…”, antwortete er ihr abwesend, dann wandte er den Kopf ab und sah sie an. “Hast du ihn gefunden?”

“Nein, nichts.” Ihre Stimme klang leicht rauchig, kratzig, aber angenehm. “Ariston sucht gerade weiter.”

“Hm.” Er wandte den desinteressierten Blick wieder ab und sah zurück in die Richtung, in der Nessa verschwunden war.

“Was wollte sie? Sie konnte dich ja sehen, oder? Obwohl du es nicht zugelassen hast.” Er nickte langsam. “Marcus!” Die Dringlichkeit in ihrer Stimme zwang ihn doch, sie anzusehen. “Du weißt, was das heißt!” Sie sah ihn eindringlich an, wobei sie eine Augenbraue bedeutungsvoll hochgezogen hatte und die Lippen zusammen kniff.

Er leckte sich kurz über die Unterlippe, bevor er ihr antwortete, gerade laut genug, damit sie ihn verstehen konnte. “Ich weiß.”

Das Badezimmer fand Nessa doch noch recht bald, was eher daran lag, dass die Tür sperrangelweit offen stand und zwei Kerle gerade drauf und dran waren, sich dort gegenseitig die Kleider vom Leib zu reißen. Sie schob beide mit konsequenter Unnachgiebigkeit raus und schloss die Tür ab, dann drehte sie den Wasserhahn des Waschbeckens auf die kalte Einstellung und voll auf.

Zuerst hielt sie ihre Handgelenke unter das eisig kalte Wasser dann formte sie ihre Hände zu einer Schale, sammelte darin die kühle Flüssigkeit und strich es sich ins Gesicht. Sofort linderten sich die pochenden Kopfschmerzen in ihren Schläfen etwas und sie seufzte erleichtert, bevor sie sich aufrichtete und im Spiegel betrachtete.

Die grau-blauen, großen Augen, kleine Nase, die vielleicht Schulter langen Haare. Das weiße T-Shirt, wie üblich mit einem provozierenden Aufdruck, und der Ansatz ihrer schwarzen Skinny Jeans.

Die Spitzen ihrer Bob Frisur waren nun leicht nass und hingen etwas schlaff, und der anrasierte Sidecut ihrer rechten Schädelseite war feucht geschwitzt, was gut zu sehen war, und Nessa auch auf ihrer restlichen Kopfhaut fühlte. Ein widerliches Gefühl!

Sie hielt ihre Hand erneut unter den Wasserstrahl und rieb sie dann durch die kurzen Haare, die daraufhin abstanden, trocknete sie dann aber mit einem bereitliegenden Tuch etwas ab. Sie trocknete auch ihr Gesicht.

Gerade, als sie die Augen, die sie dabei geschlossen hatte, wieder öffnete und das weiche, weiße Tuch sinken ließ, bewegte sich ein Schatten hinter ihr.

Sie sah es in der Spiegelung, und fuhr erschrocken herum. Hinter ihr war der Vorhang der Duschwanne, zugezogen.

Stand dahinter nicht jemand?

“Hallo?”, fragte Nessa zögerlich, das Waschbecken im Rücken, beide Hände daran geklammert, während sie misstrauisch die Wanne beobachtete. Doch nichts rührte sich. “Hey, wenn sich da irgendeiner von euch Vögeln versteckt hat, um mich zu erschrecken: Das ist nicht witzig!”, sagte sie mit Nachdruck, und versuchte dabei, das leichte Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken. Wieder keine Antwort.

Sie stieß sich etwas vom Waschbecken ab und ging mit vorsichtigen, zögerlichen Schritten auf den Vorhang zu. Dahinter bewegte sich doch etwas!! “Wer ist da??”

Als ihr wieder Keiner antwortete, machte sie, bevor sie selbst den Mut verlor, einen Satz nach vorne und riss den Vorhang mit einem Ruck zur Seite.

Dahinter- war nichts. Die Wanne war leer, nur eine kleine Pfütze hatte sich am Ausguss gebildet und der Hahn tropfte, als wäre er vor Kurzem noch gelaufen.

Was auch immer sie so mit Panik erfüllte, plötzlich und ohne erkennbaren Grund, es ließ sie ohne weiter nachzudenken herum wirbeln und aus dem Badezimmer stürzen. Das Wasser im Waschbecken ließ sie glatt laufen, aber jemand anders drehte ihn, als sie das Bad längst hinter sich gelassen hatte, mit einer gemächlichen, langsamen, fast schon schwerfälligen Bewegung zu.

“Lass uns raus gehen!”, schlug Nessa mit gerötetem Gesicht vor, als sie wieder in der Ecke mit den Sitzmöbeln ankam. Es klang fast schon wie ein Befehl, und sie war auch schon wieder losgehastet, bevor Sam überhaupt ganz aufgestanden war.

Trotzdem war er erleichtert. Raus. Das hieß nach Hause. Weg vom Trubel. Freiheit! Atmen!

Nessa dachte allerdings nicht daran, nach Hause zu gehen. Sie steuerte den Balkon an.

“Ist alles okay mit dir?”, fragte Sam und schlängelte sich neben seine beste Freundin.

“Ja, klar.”, antwortete sie schnell. Zu schnell.

“Ist was passiert?” Sie runzelte die Stirn, als müsste sie sich an etwas erinnern, wusste aber nicht mehr, was.

“Weiß nicht. Ich brauch einfach frische Luft.”

Sie öffnete die Balkon Tür und zog Sam mit nach Draußen in die luftigen Höhen.

In die wirklich luftigen Höhen. Denn das Anwesen war ein mehrstockiges Haus, und der Balkon fand sich gut fünf Meter über dem Eingang.
Während Nessa sich erschöpft gegen das Geländer lehnte und den Kopf senkte, klammerte ihr Freund sich daran, als ginge es um sein Leben, und tat das Beste, nicht nach unten zu sehen.

“Voll hoch.”, quetschte er nach einigen stillen Minuten heraus, ganz nebensächlich scheinbar, doch Nessa hob den Kopf.

“Sorry”, murmelte sie, “Habs vergessen.”

“Schon gut!” Er winkte ab und lächelte, um ihr weis zu machen, alles sei okay, obwohl ihn sofort Schwindel packte, als sein Blick kurz nach unten ging. “Alles gut!” Und obwohl seine Stimme nur ein Quietschen war.

“Nein, ernsthaft.” Nessa stand auf. “Wir gehen rein, komm schon.”

“Quatsch, es ist alles gut!”, schwindelte Sam und zog sie zurück. “Du musst nicht wegen mir wieder rein.”

“Sam..” Sie sah in seine Augen und sah das breite, aufmunternde, falsche Grinsen, wusste, dass er sie anlog. Wie das unter besten Freunden eben war. Aber sie wusste auch, dass er ein ziemlich sturer Bock sein konnte.

“Ich an deiner Stelle würde auf deine kleine Freundin hören, Süßer.”, ertönte plötzlich eine rauchige, laute erhobene Stimme von der Balkontür.

Sam und Nessa fuhren überrascht herum. Sie hatten niemanden kommen hören.

An der Tür stand eine junge Frau in ihrem Alter etwa, mit einem weißen, bauchfreien Top, schwarzer Hose und Sneakern bekleidet. An ihrem auffälligen Gürtel hing etwas, das Nessa an ein Messer oder etwas ähnliches erinnerte, doch bevor sie weiter darüber nach denken konnte, wurde ihre Aufmerksamkeit wieder abgelenkt.

Von dem Jungen Mann, der nun hinter dem Mädchen den Balkon betrat. Es war der Junge von eben, den sie nach den Waschräumen gefragt hatte, und der sie so verständnislos angestarrt hatte.

“Das war ernst gemeint, Junge.”, sagte er zu Sam, mit glatter, nachdrücklicher, aber befehlsgewohnter Stimme, die bei Sam allerdings sofort Abneigung hervor rief.

“Achja? Was wollt ihr denn wissen? Ich kann auf diesem Balkon doch wohl stehen wann und wie lange ich will!”, gab Sam gereizt zurück und hob provozierend die Arme.

Das fremde Mädchen weitete überrascht die Augen und hob beschwichtigend die Arme.

“Hey, ist gut! Geh da bitte weg.”

Als… Als hätte Sam vor, sich umzubringen oder ähnliches, ging Nessa plötzlich auf. Sam wohl ebenfalls, denn er kniff die Augen zusammen und musterte beide mit einem Blick, der bestimmt hätte töten können, den Beiden allerdings keinerlei Reaktion entlockte.

“Wer seid ihr überhaupt?” Er lehnte sich betont lässig an das Geländer, Nessa sah allerdings das nervöse Zucken in seinem kleinen Finger.

Die Beiden blickten sich eine Zeit lang an, bevor der Junge wieder das Wort ergriff.

“Ich denke wirklich, du solltest auf das Mädchen, auf deine Freundin, hören und da weg kommen. Mit Ängsten ist nicht zu spaßen und-“

“ICH HAB KEINE ANGST!”, platzte es wütend aus Sam heraus.

Nicht nur Nessa konnte sehen, wie sehr gelogen das war, aber das darauf Folgende musste sie sich eingebildet haben.

Bei dem Ausruf war weißer Dunst wabernd und wirbelnd aus Sams Mund gequollen, er schien zu dampfen und zu kochen, aber ihr Kumpel merkte davon überhaupt nichts. Der Nebel sammelte sich um ihn, wie eine Verpackung oder eine Wolke.

Nessa fiel es schwer, sich auf etwas zu konzentrieren, aber sie registrierte trotzdem den üblichen Panikanfall bei ihrem Freund, den er auf hohen Orten immer hatte, wie er zusammen brach, und lief zu ihm.

“Nein! Lass das!” Die Warnung des Jungen kam zu spät. Als Nessa bei Sam ankam, löste sich die wabernde Nebelgestalt von ihm und schwebte vor Nessa, grinste, blinzelte und erwiderte den Schock verwirrten Blick des Mädchens, dann zischte es direkt auf sie zu.

Die Welt wurde schwarz um Nessa, und sie wäre neben ihrem Freund zu Boden gefallen, hätte der Fremde sie nicht gerade noch aufgefangen.

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