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(Grimm) 1: Es war einmal…

Es war einmal…

So beginnt jedes Märchen. Es war ein König, eine Königin, ein Geschwisterpaar, ein Frosch, eine Hexe, ein treuer Diener, ein Rattenfänger, ein Wolf, ein Kater, ein Vogel, ein Schlüssel, ein dies, ein das, ein jenes.

200 Märchen hatten die Brüder Grimm gesammelt und aufgeschrieben, und Niklaus kannte jedes Einzelne von ihnen. Nicht zuletzt deshalb, weil seine Eltern ihm jeden Abend, selbst als er schon selber lesen konnte, diese Geschichten vorgelesen hatten.
Allerdings war das längst Vergangenheit. Seine Eltern waren seit zwei Monaten tot und lagen begraben neben seinen Großeltern, und er wohnte seit etwa einer Woche in einem betreuten Wohnheim, denn trotz seiner Volljährigkeit wollte man ihn noch nicht völlig sich selbst überlassen.

Das Einzige, was ihn jetzt noch mit diesen Geschichten verband, war sein Name. Der gerade ziemlich penetrant und eindringlich wiederholt wurde…

“Niklaus Grimm, hätten Sie vielleicht auch die Ehre, meinem Unterricht beizuwohnen?” Herr Stiefel, vom Charakter her genauso alt und ranzig wie sein Name verriet, stand vor Niks Tisch und starrte auf den Jüngeren hinunter, mit missmutiger, grimmiger Miene, die Brille wie immer nur knapp auf der Nasenspitze sitzend. Er war ungefähr so langweilig, arrogant und anstrengend wie das Fach, das er unterrichtete.

Französisch. Das Fach sorgte dafür, dass Niks Ohren automatisch auf Durchzug schalteten, seine Augen mit wachsender Häufigkeit die Innenseite der Augenlider betrachteten und sein Kopf regelmäßig drohte, auf die Tischplatte zu fallen. Wobei das natürlich auch an dem Schlafmangel aufgrund des letzten nächtlichen Buchs liegen könnte.

“Genau genommen wohne ich Ihrem Unterricht sogar bei. Zumindest körperlich.”, antwortete Nik eher aus Reflex ohne wirklich über seine Worte nachzudenken, und genau das sorgte für die steile Falte auf der Stirn seines Lehrers.

“Na immerhin etwas, soll ich Ihnen vielleicht noch ein Sternchen in Ihr Heft kleben?” Was seinen Sarkasmus anging hing Herr Stiefel seinem Schüler jedenfalls in Nichts nach.

“Nein Danke.” Nik seufzte und senkte seinen Kopf wieder auf sein Heft. Er hatte keine Lust, die Unterhaltung weiterzuführen, stattdessen schrieb er schnell die ganzen Verbformen ab, die sein Lehrer eben an die Tafel geschrieben hatte. Alle Zeitformen von

monter.

Alles Zeitformen, die Niks Hirn zum Rotieren und Rauchen brachten.

Herr Stiefel stattdessen zog seinen Unterricht knallhart die letzten dreißig Minuten durch, bis Niks Erlösung kam, in Form des Klingelns, dass das Unterrichtsende verkündete. Innerhalb eine halben Minute hatte der Junge seine Sachen in die Tasche gestopft, sie sich über die Schulter geworfen und war aus dem Klassenraum verschwunden, wo vor der Tür auch schon Alyssa auf ihn wartete.

Seine Mitbewohnerin war nur ein halbes Jahr jünger als er, ging allerdings trotzdem in die Klassenstufe unter ihn, da sie später eingeschult worden war. Sie grüßte Nik mit einer freundschaftlichen Umarmung, die er erwiderte.

“Hast du das in der Gruppe schon gesehen?”, fragte sie, während beide den Weg in Richtung ihres Wohnheims einschlugen. Nik hob nur fragend eine Augenbraue, und Alyssa holte weiter aus. “Raphael hat rein geschrieben, dass ein Paket für dich angekommen ist. Von irgendeiner Rechtsanwaltschaft.”

Raphael, ein weiterer Mitbewohner in der Wohngemeinschaft, war 21 Jahre alt und somit der Älteste. Er kümmerte sich um nahezu Alles: Müll, Essen und darum, dass die Anderen rechtzeitig ihre Hausaufgaben machten.

Neben Raphael gab es auch noch Maria und Alexander, und dann kam ab und zu noch Dominik, ihr Betreuer, vorbei, einfach um zu gucken, ob alles beim Rechten war. Sonst kamen die Fünf Jugendlichen gut alleine zurecht.

“Von der Rechtsanwaltschaft?” Mit einer Rechtsanwaltschaft hatte er nichts am Hut. Außer vielleicht…

Außer seine Eltern hätten irgendein Erbe gehabt, dass an ihn übergeben wird. Aber in einem Paket?

“Es ist ziemlich schwer, schreibt er.” Alyssa lief mit dem Handy vor der Nase neben ihr her, eine braune Haarsträhne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, fiel ihr dabei ins Gesicht. “Soll er es aufmachen, fragt er.”

“Nein!”, stieß Nik entgeistert aus und entschied sich jetzt dafür, sein eigenes Handy aus der Hosentasche zu holen. Er öffnete den WhatsApp Chat. Sein ‘Du öffnest das Paket nicht!’ kam allerdings etwas verspätet.

‘Zu Spät’, antwortete Raphael darauf nämlich nur, begleitet von einem grinsenden Smiley.

‘Schonmal was von Briefgeheimnis gehört?’, schrieb Nik leicht gereizt in die Gruppe, wofür von der Seite von Alyssa ein amüsiertes Schnauben erhielt.

‘Ist ja kein Brief.’ Nik seufzte und steckte das Handy wieder weg, damit wenigstens einer der beiden Fußgänger einen Blick auf die Straße hatte. Er nahm Alyssas Rucksackschlaufe an ihrer Schulter und führte sie über die Straße, während sie eifrig auf dem Handy etwas tippte. Dann hob sie kurz den Kopf.

“Er hat geschrieben, darin war ein Buch, ein Ring und eine Murmel.” Ihr Tonfall klang dabei gleichermaßen überrascht wie auch abfällig.

“Ein Buch, ein Ring und ‘ne Murmel?”, wiederholte Nik ungläubig. “Was für ein Buch?”

Die schnell getippte Frage von Alyssa bekam schnell eine Antwort. “Anscheinend ein Märchenbuch, aber die Hälfte der Seiten ist leer.”

Ein Märchenbuch. Das war ja typisch. Als Nachfahre der Grimm hatte man immer irgendwo irgendwas mit Märchen zu tun. Entweder machte irgendjemand unnötige, humorlose Witze, oder man bekam seltsame, kleine Merchandise Sachen geschenkt. Ob man Geburtstag hatte oder nicht.

Aber ein Märchenbuch, bei dem die Hälfte der Seiten leer waren?

“Und der Ring?” Vielleicht die Eheringe seiner Eltern, aber dann wären es eher zwei.

“Schlichte Fassung, ein großer, roter Stein. Sieht aus wie ein Rubin oder so, schreibt Raphael.”, antwortete Alyssa, ihre Finger flogen wieder über das Display, dass Nik Kopfschmerzen vom Zusehen bekam.

Ein großer, roter Stein? Also kein Ehering. Seine Eltern hatten einfache Goldringe gehabt, ohne irgendwelche Steine.

“Und die Murmel ist einfach eine rote Glasmurmel”, erklärte Alyssa schon weiter, bevor Nik seine nächste Frage stellen konnte.

“Okay?” Nik zuckte mit den Schultern. “Wenn er von der Rechtsanwaltschaft ist, müsste ja auch ein Brief dabei sein. Oder?”

Die Antwort fiel recht knapp aus. “Nop.”

“Hm…Vielleicht kommt noch jemand vorbei.” Alyssa steckte jetzt ebenfalls ihr Handy weg, stattdessen zog sie den Wohnungsschlüssel aus ihrer Hosentasche und wirbelte ihn an einem Finger herum, dabei waren es noch gut 50 Meter bis zur Tür.

“Was macht Raphael heute wohl zum Essen?”, fragte sie und hakte sich bei Nik ein.

“Es riecht nach Auflauf.” Nik grinste leicht verschmitzt, rieb sich aber gleich danach über die Stirn. Blöde Kopfschmerzen.

“Wie kannst du das von hier aus riechen?” Alyssa sah ihn mit großen, hungrigen Augen an.

“Ich bin eben… Ein Hellseher!” Nik legte ein tiefes Knurren in seine Stimme, als er weiter sprach: “Oder ein Werwolf.”

Alyssa lachte. “Du immer mit deinen albernen Märchen.”

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