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Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Kapitel II

Es ist mehr wert, jederzeit die Achtung der Menschen zu haben, als gelegentlich ihre Bewunderung.

~ Jean-Jacques Rousseau~

Eliott lief um die letzte Hausecke und erstarrte kurz.

Vor ihrem Haus war eine riesige Menschenmenge versammelt. Journalisten, Schaulustige, alles Mögliche.

Ein Knurren entwich ihm. Seine Mutter hatte ihn gewarnt, aber er mochte Journalisten und all diese Menschen, die einem alle Geheimnisse entlocken wollten, die man eventuell haben könnte, einfach nicht. Nein, eigentlich hasste er sie!

Nur kurz musste er überlegen, wie er ungesehen ins Haus gelangen sollte. Ein Hintertür hatten sie ja leider nicht. Wie eigentlich jedes Mal entschied er sich für den Apfelbaum im Garten an der Rückseite des Hauses. Es war ein schöner Baum, mit vielen Ästen und sehr leicht zu erklimmen. Eliott turnte zwar nicht gerne auf Bäumen, wenn er ein Hemd trug, doch das war allemal besser, als sich durch die Meute vor der Tür zu kämpfen.

Er brauchte nicht einmal zwei Minuten, bis er durch das Fenster in den kleinen, holzverkleideten Flur gestiegen war. Hier waren auch die Türen zu Eliotts, Nanines, Charles Zimmer und zu dem seiner Mutter. An jeder Tür hing eine kleine Tafel auf der in schön geschwungenen Buchstaben die jeweiligen Namen standen.

Am Ende des Flures direkt gegenüber von dem Fenster führte eine Holztreppe nach unten. Hier gab es nur zwei Türen, die Badezimmertür und die schwere Haustür, vor den Eingängen zu der Küche, dem Wohnzimmer und dem ‘Bücherzimmer’, wie seine Mutter das kleine Zimmer mit dem vielen Bücherregalen, gefüllt mit tausenden von Büchern seines Vaters, liebevoll nannte, hingen dunkelrote Vorhänge.

Die Haustür war direkt links neben der Treppe.

Eliott übersprang die letzten beiden Treppenstufen. Der Vorhang zum Wohnzimmer war weit genug zur Seite gezogen, dass er einfach so durch schlüpfen konnte. Seine Mutter saß in dem großen Sessel, der die gleiche Farbe wie die Vorhänge hatte, und begrüßte ihn lächelnd. Auf ihrem Schoß lag das Buch, in dem sie gerade las.

“Hallo, mein Schatz! Danke, dass du gekommen bist!” Eliott drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und umarmte sie.

“Ich mag diese Typen nicht!”, murmelte er und sah durch die halb geschlossene Jalousie des großen Fensters, das auf die Straße blickte.

“Ich weiß!”, erwiderte seine Mutter und strich ihm übers rabenschwarze Haar. “Aber Charles ist noch nicht wieder da, er holt Nanine von ihrer Freundin ab, sonst würde er sie bestimmt verscheuchen.” Sie lachte etwas, doch ihre Belustigung erstarb bald. “Holst du das Album?”, bat sie, und Eliott nickte und ging hinüber zum Fernseherschrank, aus dessen Schublade er ein großes, weißes Buch holte, dass seine Mutter sich in letzter Zeit sehr oft ansah.

Er gab es seiner Mutter, die ihr Buch, irgendein französisches Liebesdrama, beiseite gelegt hatte, und setzte sich auf die Armlehne des Sessels, um auch in das Album sehen zu können.

Auf der ersten Seite war ein großes Bild von der ganzen Familie, aufgenommen vor zwei Jahren in Österreich auf dem Sommerberg. Sie trugen dicke Winteranzüge, Skistöcke und Mützen, weswegen man die einzelnen Personen nur Anhand der Größe unterscheiden konnte. Und vielleicht noch an den Farben der Winteranzüge.

Auf den nächsten Seiten waren Babyfotos von Nanine, noch ein paar Urlaubsfotos, auf denen allerdings immer nur ihre Mutter und die nun einjährige oder zweijährige Nanine zu sehen waren. Irgendwann kamen Babyfotos von Eliott dazu und endlich auch erste Urlaubsfotos, auf denen alle zu sehen waren, außer Charles, der die Fotos gemacht hatte.

Etliche Geburtstagsfotos waren eingeklebt.

Die Zeit verging schnell, während Eliott und seine Mutter die Fotos betrachteten.

Gerade als sie über ein Foto von Eliotts fünften Geburtstag lachten, an dem er so stark die Kerzen ausgepustet hatte, dass Nanine der Zuckerstaub vom Kuchen ins Gesicht geflogen war, wurde die Haustür aufgeschlossen, Nanine rauschte hinein und schmiss ihre Designertasche in die Ecke.

“Hallo, Maman!”, rief sie, kam ins Wohnzimmer und gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, dann ließ sie sich auf das weiche Sofa fallen und schaltete den Fernseher gerade rechtzeitig zu ihrer neusten Lieblingssendung ein.

Ihren Bruder würdigte sie keines Blickes. Mit einem leisen Seufzer stand Eliott auf und ging, den leisen Ruf seiner Mutter ignorierend, hinaus in den Flur.

Auf dem Weg die Treppe hoch begegnete ihm Charles, der ihm knapp aber freundlich zunickte, bevor er in seinem Zimmer verschwand.

Charles war der Butler und Bodyguard der Familie. Er hatte schwarze, kurze Haare, fast eine Glatze, ein breites Gesicht, war allgemein ziemlich muskulös und trug einen schwarzen Anzug und eine Sonnenbrille. Kurz gesagt sah er genauso aus, wie man sich eben einen Butler oder Bodyguard vorstellte.

Eliott ging in sein eigenes Zimmer, schloss die Tür leise hinter sich und ließ den Blick schweifen.

Im Grunde waren alle Zimmer gleich groß, mit kleinen Abweichungen, und sehr geräumig. Das Fenster in seinem Zimmer genau gegenüber der Zimmertür lugte aus dem schrägen Dach und er konnte von seiner Fensterbank aus auf einen kleinen Vorsprung auf dem Dach klettern.

Vor dem Fenster stand sein Bett. Zwischen dem Fenster und dem Bett war ein schmaler Spalt, gerade breit genug für einen kleinen, weißen Nachttisch, auf dem eine Lampe, ein Wecker, sein Asthmaspray, das Buch, das er momentan las und ein Foto von seinem Vater.

Es war vor einem Jahr in Ägypten aufgenommen worden, als sie da Urlaub gemacht hatten, lagen. Links von der Zimmertür stand ein Kleiderschrank und ein Regal war an der freien Wand daneben angebracht, indem einige Bücher, hauptsächlich Krimis und Fantasy-Romane, ein Nintendo und ein paar Spiele, einige Kartenspiele und einige Ringbücher standen.

An der anderen, gegenüber liegenden Wand stand ebenfalls ein großes Regal, in dem seine Schulsachen und ein CD-Player standen, und sein an das Regal befestigter Schreibtisch. Neben dem Schreibtisch an dem Stuhl gelehnt lag sein dunkler Schulranzen, den er, als er nach der Schule nach Hause gekommen war, da hatte fallen lassen, bevor er direkt weiter zu Laura gelaufen war und sie sich zum Eis essen getroffen hatten.

Eliott erinnerte sich an den letzten Streit mit Nanine dort und seufzte, dann schob er sein Fenster auf, kletterte auf das Fensterbrett und von dort hinaus auf den Vorsprung auf dem Dach neben dem Fenster und legte sich auf den Rücken.

Vom Dach aus konnte er ein paar Häuser weiter den kleinen Park mit dem anschließenden Wald sehen. Hinter dem Wald war die Schule und dort in der Nähe wohnte auch Laura.

Eliott sah in den blauen Himmel, beobachtete die paar Wolken und dachte an seinen Vater…

Er musste eingeschlafen sein, denn als seine Mutter ihn durch das Fenster rufend weckte, war es bereits dunkel und einzig der Vollmond erhellte die Nacht. Er kletterte zurück ins Zimmer.

“Es gibt Essen.”, sagte seine Mutter leise, und er folgte ihr die Treppe runter in die warme Küche, in deren Eingang er erschrocken stehen blieb. Laura funkelte ihn von ihrem Platz aus wütend an.

“Was machst du denn hier?”, fragte er sichtlich verwirrt, und sie hob ungläubig eine Augenbraue.

“Wir hatten eine Verabredung um Fünf.” Eliott sah auf die Uhr: 20:14 zeigte das digitale Blatt an und er biss sich auf die Unterlippe.

“Das habe ich total vergessen, entschuldige bitte!”, sagte er ehrlich. Laura versuchte weiterhin böse zu gucken, musste aber gegen ihren Willen grinsen.

“Du hast es schon wieder gemacht. Normale Jugendliche sagen einfach Sorry!”

“Sorry!”, wiederholte Eliott brav und ebenfalls grinsend. “Hast du Hunger? Du kannst hier bleiben und noch was essen-” Laura stand lächelnd auf.

“Ne. Ich muss jetzt auch nach Hause. Aber danke! Wir sehen uns morgen, El! Tschüss, Lady Duchan” Laura machte einen angedeuteten Knicks, bevor sie sich von Charles zur Haustür begleiten ließ, kaum eine Minute später kam Charles wieder zurück und setzte sich leise an den Tisch neben Eliott. Lady Duchan, oder für Bekannte und Freunde einfach Evelyn, lud allen reichlich Essen auf die Teller und Eliott war sich nicht mal sicher, ob er das wirklich alles schaffen würde.

Während alle in sanften Schweigen aßen, sagte Nanine plötzlich: “Charles, ich will dass du einen Motorrad Führerschein machst!”

Ihre Mutter sah sie erstaunt an, Eliott erstarrte, die Gabel halb auf dem Weg zum Mund, und Charles zeigte, wie immer, keine wirklich sichtbare Reaktion. Schließlich fing Eliott sich wieder und aß weiter, gespannt, wie Charles reagieren würde. Der Butler jedoch schüttelte nur bedauernd den Kopf.

“Tut mir leid, Miss Nanine. Aber das darf ich nicht entscheiden. Diese Entscheidung liegt ganz allein bei Monsieur Eliott, er verwaltet die Finanzen.”

Eliott verschluckte sich und hustete und seine Mutter klopfte ihm vorsichtig auf den Rücken.

Nanine hingegen funkelte Eliott wütend an.

Das stimmte, das wusste sie. Eliott war für die Verwaltung zu Hause zuständig, auch wenn das für einen Vierzehnjährigen eine ziemliche Verantwortung war. Das meiste nahm ihm sowieso Charles ab.

Eliott wusste aber auch, dass seine jetzige Entscheidung Nanines Verhalten in den nächsten Wochen ihm gegenüber bestimmen würde.

Er biss die Zähne zusammen. Er konnte es nicht leiden, dermaßen unter Druck gesetzt zu werden. Erst Recht nicht von seiner Schwester! Doch das war wohl sein Los als Familienkopf.

Alles war still. Schließlich schüttelte Eliott den Kopf.

“Nanine, wieso willst du solches Aufsehen erregen?”, fragte er gereizt. “Bist du nicht schon auffällig genug?” Nanine verzog beleidigt das Gesicht.

“Motorräder sind momentan mega IN. Wir müssen einfach dazugehören.” Eliott kniff verärgert die Augen zusammen, während er sie musterte.

“Nicht wir, Nanine. Du! Wieso? Hast du keine eigenen Hobbys? Eigene Ideen, was du mit deinem Leben anfangen könntest?” Zugegeben, das war wirklich etwas gemein, was er gerade gesagt hatte, aber anders schien er seine Schwestern nie wirklich zu erreichen. Nanine sprang entrüstet auf.

“Du kleiner-” Eliott stand auf, mit erhobenen Händen, er wollte nicht mit ihr streiten, immerhin ging es um ein verdammtes Motorrad, und seine Schwester verstummte, als sie seine wütende Miene sah.

In der Tür blieb er noch einmal stehen und sagte, ohne sich umzudrehen: “Mach diesen blöden Führerschein, wenn du möchtest Charles. Ob wir das Motorrad kaufen, kann ich ja immer noch hinterher entscheiden. Guten Appetit!” Sein leicht gehässiges Grinsen konnte niemand am Tisch sehen, als er die Küche verließ.

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