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Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Kapitel IX

Den Garten des Paradieses betritt man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen.

~Bernhard von Clairvaux~

‎Die Halle war riesig. Die Decke bestand komplett aus Glasfenstern. Ein langer Tisch um den viele besetzte Stühle standen war in der Mitte aufgebaut und schien der Mittelpunkt allen Spektakels zu sein. Pakete, Briefe, Papierkram und wichtige Dokumente. Alles mögliche stand und lag auf dem Tisch und jeder war mit irgendwas beschäftigt. Doch sobald Eliott den Raum betrat, richtete sich alle Aufmerksamkeit auf ihn. Er wand sich unter den neugierigen Blicken und war erleichtert, als Leonardo ihn zu sich rief und ihn aufforderte sich neben ihn zu setzten. Fanius setzte sich auf die andere Seite von Eliott und bot ihm einen Zuckerwürfel an. Eliott schüttelte dankend den Kopf und Fanius wendete sich kopfschüttelnd einigen Dokumenten zu, die vor ihm lagen. Als könnte er nicht verstehen, dass jemand keine Zuckerwürfel so essen wollte. Leonardo stand auf und legte Eliott einen Arm auf die Schulter. ‎

“Das hier”, sagte er laut und alle sahen von ihrer Arbeit auf, “Das hier ist Eliott Pierre Duchan. Ihr habt bestimmt schon einiges über ihn gehört.” Leonardo wurde unterbrochen, als allgemeines Gemurmel auf kam. Mit einem Schlag auf den Tisch sorgte er für Ruhe. 

“Er wird hier bleiben bis die Lage in Deutschland sich etwas beruhigt hat. Vaia? Führst du Eliott nach dem Essen herum und zeigst ihm alles?” Ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren nickte und musterte Eliott unauffällig. Leonardo setzte sich und auf einen Wink von ihm hin verschwanden die Unterlagen und wichen riesigen Platten mit den unterschiedlichsten Gerichten. Eliott sank sprachlos auf den Stuhl und griff wie die anderen ordentlich zu. 

“Das hier ist das Laboratorium.”, sagte Vaia und schloss die Tür wieder bevor Eliott richtig rein sehen konnte. “Sie machen gerade ein wichtiges Experiment!”, erklärte sie auf Eliotts fragenden Blick hin und zog ihn weiter nach draußen. Vor einem riesigen Gewächshaus blieb sie stehen.

“Dies ist unser Gewächshaus, mein persönlicher Lieblingsort.” Sie lächelte schüchtern und zog die Tür auf. Eliott und sie traten in den stickigen Blumengarten. “Wir ziehen hier hauptsächlich Heilpflanzen.” Sie zeigte ihm einige Pflanzen und erklärte deren Wirkung. Eliott musterte sie. Vaia war voll in ihrem Element, das konnte sogar jeder Blinde sehen. Er lächelte leicht, als Vaia über einen Schlauch stolperte, sich aber schnell wieder fing. Sie kicherte verlegen und wurde rot, bevor sie sich schnell wieder von ihm weg drehte und auf den Ausgang zu steuerte. Fanius stand dort und wartete bereits auf sie.

“Ich soll dich holen, hat Leo gesagt”, nuschelte er zwischen zwei Lutschern, die er im Mund hatte, durch. In Vaias Augen blitzte kurz Enttäuschung auf, bevor sie sich lächelnd verabschiedete und zurück ins Gewächshaus ging. Eliott folgte Fanius in einigem Abstand, immer noch etwas verwirrt. Fanius führte Eliott durch die vielen Gänge des Hauptgebäudes des Magister-Ordens, bis sie schließlich vor Leonardos Büro standen. Fanius klopfte kurz, wartete die Antwort allerdings nicht ab, sondern trat gleich ein. Leonardo stand am Fenster und als Fanius sich räusperte, drehte er sich erschrocken um. Als er Eliott sah, lächelte er.

“Danke, Fanius. Du kannst gehen!”, sagte er freundlich und warf dem Kleineren eine Tüte Weingummi zu. Fanius fing sie geschickt auf, salutierte knapp und verschwand. Eliott stand alleine in der offenen Tür vor dem Mann, der sich seinen Onkel nannte.

“Komm rein und schließ die Tür hinter dir!”, forderte Leonardo ihn auf. Eliott tat wie ihm gesagt und trat unsicher an den Schreibtisch heran, hinter dem Leonardo mit einem erschöpften Seufzer Platz genommen hatte und ihn aufforderte, sich ebenfalls zu setzen. Eliott ließ sich auf den Stuhl neben sich fallen.

“Ich weiß, dass du Antworten verlangst!”, fing Leonardo an und warf Eliott einen beinahe unsicheren Blick zu, bevor er weiter sprach. “Ich weiß, dass Vieles hier ungewohnt ist, du nicht weißt was passiert ist, geschweige denn warum. Und ich bin mir sicher, dass dir Einiges auch Angst macht!” Eliott wollte widersprechen, doch was Leonardo gesagt hatte, stimmte ja auch irgendwie. Also nickte er nur.

“Ich möchte dir gerne auf deine Fragen antworten, Eliott. Die Ängste zumindest kleiner machen und dir etwas Gewissheit geben!” Eliott kniff misstrauisch die Augen zusammen. Leonardo sah das zwar, ging allerdings nicht weiter darauf ein. “Ich habe dir bereits erklärt, was das im Wald war, die Gestalt, die du gesehen hast. Die Großhexe Raza-ãk, der wahrscheinlich größte Feind des Orden der Magistra.” Er machte eine Pause und schien zu überlegen, bevor er sich eine Haarsträhne hinter das Ohr schob. “Ich weiß nicht genau, wie ich dir das alles erklären soll.”, sagte er schließlich und sah Eliott mit einem leicht verunsicherten Gesichtsausdruck an. 

“Fang einfach irgendwo an!”, schlug Eliott vor. Gespannt auf die Antworten rutschte er auf seinem Stuhl hin und her. Leonardo lachte kurz auf, bevor er wieder ernst wurde. 

“Dein Vater, Eliott, war ein Magier im Orden der Magister. Von Geburt an besaß er magische Fähigkeiten, die er an seine Kinder weiter vererbt hat. An dich und Nanine.” Eliott blinzelte verwirrt.

“Magie existiert nicht.”, meinte er dann vorsichtig und Leonardo lächelte gequält. 

“Eure Eltern haben euch nichts erzählt, oder?” Eliott wusste nicht, was er erwidern sollte, also schwieg er einfach. Leonardo seufzte tief. “Dann dauert die Einführung länger, als gedacht”, murmelte er, stand auf, zog einige Bücher aus dem Regal und ließ sie geräuschvoll auf den Tisch fallen. 

“Wollen wir anfangen!”

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