Tell me a story!

Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Kapitel VII

Nur wer gegen sich selbst milde ist, kann es auch gegen andere sein.

~Antole France~

“Nanine!” Nanine sah sich verwirrt nach dem Ursprung dieser Stimme um. Eine kleine Gestalt auf einem Motorrad winkte ihr wild zu, sprang schließlich ab und rannte auf sie zu. Eliott nahm grinsend seinen Motorradhelm ab und umarmte sie stürmisch. Dann reichte er ihr den Helm und schubste sie in Richtung Motorrad.

“Charles bringt dich nach Hause.” Nanine sah ihn überrascht an.

“Du wolltest doch nicht-” Eliott grinste, als sie sprachlos verstummte.

“Na, ein Motorrad ist auf jeden Fall unauffälliger als eine Limousine!” Er lächelte. “Ich gehe zu Laura.”

Mit diesen Worten drehte er sich um und ließ Nanine alleine stehen. Kopfschüttelnd ging sie zu Charles, setzte sich den Helm auf und schwang sich aufs Motorrad.

“Da geht er wieder.”, meinte Charles und startete den Motor. Knatternd fuhr das Motorrad vom Hof. Nanine lachte leise. Ihr Bruder war so ein verdammt liebenswerter Idiot!

“Ich finde es wirklich super, dass du mich besuchst!” Laura schob ihm die Tasse Kakao zu und schaltete den Fernseher leiser. Nun flimmerte nur noch das Bild. Eliott sah aus dem Fenster. Es regnete und dunkel wurde es auch schon langsam. Als er bei Laura geklingelt hatte, war sie ihm um den Hals gefallen und hatte vor Freude sogar geweint. Sie hatten unzählige Runden UNO gespielt und schließlich hatte Laura Essen gemacht. Ihre Eltern kamen ja immer erst sehr spät nach Hause. Sie waren Ärzte und arbeiteten immer sehr lange. Ihr Vater musste manchmal sogar nachts aufstehen. Eliott nickte abwesend.

“Es regnet ziemlich stark.”, meinte er schließlich. “Vielleicht sollte ich jetzt gehen. Nachher fängt es vielleicht auch noch an zu stürmen.” Laura verzog das Gesicht, stand aber auf und reichte ihm seine Jacke.

“Okay. Dann… bis morgen?” Sie sah ihn fragend an. Eliott grinste.

“Morgen komme ich!” Er zog die Haustür auf und trat aus dem Haus.

“Eliott!” Der Junge drehte sich noch einmal um. Laura umarmte ihn.

“Bis morgen!” Eliott nickte lächelnd und drehte sich wieder zur Straße. Kurze Zeit später war er aus ihrem Sichtfeld verschwunden und Laura hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie ihren Freund nicht mehr wiedersehen würde.

Eliotts Weg nach Hause war eigentlich nicht lang. Er nahm absichtlich den Umweg durch den Wald. Warum wusste er nicht genau. Unter den Bäumen war es trockener, die Blätter fingen den Regen größtenteils ab. Eliott lief langsam um die Pfützen herum und achtete darauf nicht in Schlamm zu treten. Es war kein großer Wald, man konnte sich unmöglich in ihm verlaufen, doch Eliott hatte mehr und mehr das Gefühl das er Teile des Waldes nicht kannte. Er hätte schon lange wieder raus aus dem Wald sein müssen. Er musste sich einfach verlaufen haben. Eliott schüttelte den Kopf. ‘Unmöglich!’, dachte er. Ein Knacken aus dem Gebüsch hinter ihm ließ ihn herum fahren. Nichts. Er drehte sich wieder um. Ratlos sah er auf die Bäume vor sich. Wo zur Hölle war der Weg? Eliott drehte sich eine Weile hin und her, bevor er schnaubend nach seinem Handy griff. Ein Blick auf den Orientierungsbalken oben ließ ihn stöhnen. Kein Netz. Wo bitte war er? Ein weiteres Knacken ließ Eliott erneut herum wirbeln. Zwei glühende Punkte starrten ihn aus dem Gebüsch an. Eliott keuchte auf und sprang erschrocken einen Schritt zurück. Ein wildes Knurren ließ ihn weiter in den Wald rennen. Immer weiter hinein, weiter als er glaubte dass es überhaupt möglich war. Mit einem Mal wurde es schlagartig stockdunkel, Eliott stolperte über eine Wurzel und schlug hart auf dem Boden auf. Benommen blieb er liegen. Plötzlich rauschte etwas knapp über ihm vorbei. Ein unmenschliches Lachen ertönte und Eliott hob den Kopf als es direkt vor ihm knackte. Eine schwarze große Gestalt stand vor ihm. Sie war das Hässlichste das er je gesehen hatte und zugleich wunderschön. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, nur das blasse, böse Grinsen. Ganz langsam beugte sich die Gestalt zu dem noch immer am Boden liegenden Eliott hinunter, griff mit eiskalten Fingern nach seinem Kinn und hob es zu sich. Ganz nah. Es schnüffelte an ihm und ließ ihn dann so abrupt los, dass das Gesicht des Jungen beinahe wieder auf dem Boden aufgeschlagen wäre. Eliott stieß die Luft, die er unbemerkt angehalten hatte, wieder aus. Ohne einen Laut stand die Gestalt wieder auf und lief hin und her, zischte unverständliche Dinge. Eliott wagte nicht sich zu rühren.

»So,so. Du bist also der Junge von dem alle Welt spricht.« Eliott zuckte zusammen, als eine Welle purer Bosheit ihn überrollte. Die Gestalt hatte ihren Mund nicht bewegt, das Grinsen war die ganze Zeit geblieben.  »Und du sollst so Besorgnis erregend sein? Du bist doch nichts.« Sie sprach eine Sprache, die Eliott nicht kannte und doch verstand er sie. »Oder verheimlichst du mir etwas, kleiner Magistra?« Eliott schwieg, er wusste nicht, was die Gestalt von ihm wollte. Doch jedes Wort schmerzte. Als würde es ihm die Haut aufreißen. »Oder hast du letzten Endes selbst keine Ahnung, wer du bist?« Eine unsichtbare Macht zwang Eliott aufzustehen. Die Gestalt stach ihm mit ihrem spitzen Finger in in Brust.

“Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie?”, brachte Eliott heraus. Wieder schnüffelte die Gestalt an Eliott herum.

»Lügner!«, knurrte sie plötzlich und sprang zurück. »Lügner! Ich rieche es doch. Er war bei dir. Ich rieche es!« Sie kreischte auf und flog heulend auf ihn zu. »Dieser verfluchte Magier war zu schnell!« Ihre langen Klauen streiften Eliotts Gesicht und hinterließen blutige Striemen auf seiner Wange. Dem nächsten Angriff wich der Junge mit einem Sprung zur Seite aus. Beim übernächsten stürzte er, erneut getroffen zu Boden. Die Gestalt beugte sich wieder zu ihm. Sie setzte ihre Krallen an seinem Ohr an und zog sie langsam zu seinem Auge. Eliott wimmerte leise als sein Ohr langsam aufgeschlitzt wurde. Doch es war nicht nur das Ohr. Die Berührung allein verursachte schon höllische Schmerzen.  Eliott sah nur noch schwarze Punkte und dahinter ein blasses, böses hämisch grinsendes Gesicht. Ein Heulen wie von einem Wolf hallte durch den Wald. Die Gestalt stockte mitten in ihrem Werk und sah auf.

»Ich sollte dich töten, aber nicht heute. Doch vielleicht kannst du mir noch nützlich sein.« Sie musterte Eliott kritisch. »Du bist stark!«, hauchte sie schließlich und kam erneut ganz nah an ihn heran. Mit einer Vorsicht die Eliott ihr nicht zu getraut hätte, küsste sie ihn auf die Stirn. Es war, als würde ein Eisdolch durch seinen Kopf schlagen! Eliott brach endgültig zusammen. Zitternd und keuchend lag er auf dem nassen Waldboden, das Gesicht in die Blätter gedrückt. Erneut heulte es durch den Wald, diesmal ganz nah. Ein Vogel oder etwas Ähnliches schoss aus dem Wald hinter ihm und griff die Gestalt an. Etwas großes stellte sich über Eliott und schnupperte an ihm. Schließlich stieß es ein langes Heulen aus. Ein Wolf! Doch dann verwandelte der Wolf sich. Das große, massige Gefühl über Eliott verschwand und wich einem jungen Mann in einem Trenchcoat. Eliott sah es nicht wirklich, aber er spürte es. Hände packten ihn an den Schultern und drehten ihn auf den Rücken. Jemand strich ihm vorsichtig über die Wange, entlang den Striemen.

“Ist er das, Leonardo?”, ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihnen. Der Mann über Eliott nickte ohne etwas zu sagen oder aufzusehen. Weitere Menschen kamen auf sie zu. Sie riefen alle durcheinander.

“..seine Stirn..”  

“..Kuss der Hexe..”

“..ist er wirklich?”  

“..Prophezeiung..”

“Leise!”, rief der Mann über Eliott, Leonardo, plötzlich. “Er ist noch bei Bewusstsein. Bringt ihn ins Hauptquartier!” Dann verließen Eliott alle Sinne.

Leave a Reply