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Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Kapitel X

Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.

~Albert Schweitzer~

“Nein, nein, nein. Halt den Arm so, El.” Eliott hob den rechten Arm etwas höher. “Ja, so siehts gut aus!” Leonardo betrachtete Eliott prüfend. Er hatte ihn den Verband wieder abgenommen mit der Begründung, er müsse die Magie am ganzen Körper spüren können. Jetzt sah man einen dünnen, roten Striemen von Eliotts Ohr hinunter bis zu seinem Kinn quer über die Wange verlaufen. Ein Klopfen an der Tür ließ ihn aufschauen. “Herein.” Die Tür öffnete sich langsam und ein großer Mann trat ein. Seine kurzen blonden Haare waren mit Gel ordentlich nach hinten gekämmt und seine blauen Augen sahen ernst durch eine graue, eckige Brille. Als er Eliott sah, der einbeinig und mit erhobenen Armen auf einem Stuhl stand und einen  Stapel Bücher auf dem Kopf balancierte, trat kurzzeitig ein verwirrter Ausdruck in seine Augen.

“Ah, Julius. Was führt dich zu uns?”, fragte Leonardo und trat näher an den jungen Mann ran.

“Die Läufer lassen ausrichten, dass der Weg nach Deutschland wieder frei ist.”, erwiederte Julius kurz, immer noch ruhte sein Blick auf Eliott, der jetzt vom Stuhl sprang, die Bücher fielen krachend auf den Boden. Noch während er sich bückte, um sie aufzuheben, fragte er:

“Dann können wir wieder zurück?” Leonardo legte den Kopf schräg.

“Um deiner Mutter Bescheid zu sagen, wo du bist. Unterricht in Magiekunde und so weiter musst du trotzdem kriegen.” Eliott verdrehte die Augen.

“Klar! Wann geht’s los?” Die Bücher im Arm sprang er aufgeregt zu Leonardo.

“Sofort, El.”, versprach Leonardo irgendwie angestrengt wirkend und nahm ihm die Bücher ab. “Julius, bereitet doch bitte schon mal das Tor vor.” Julius verbeugte sich knapp und ging. Eliott zog verwundert die Stirn kraus.

“Tor?”

Ein Strudel öffnete sich im Wald und Eliott und Leonardo traten heraus.

“Von hier aus ist es nicht mehr weit bis nach Hause.”, erklärte Eliott erfreut. Leonardo nickte und folgte Eliott, der sich hier eindeutig besser aus kannte als er. Auf der Straßenseite gegenüber des Hauses hielt Leonardo seinen Neffen noch einmal zurück.

“Bleib bei mir, ja?” Es war keine Bitte, sondern eine Aufforderung. Leonardo hatte ein ungutes Gefühl, schon seit Julius verkündet hatte, dass der Weg nach Deutschland wieder frei sei. Eliott verdrehte die Augen und lief vor Leonardo über die Straße. An der Tür zögerte er, schließlich zog er den Ersatzschlüssel unter der Fußmatte hervor und schloss die Tür auf. Beide zogen gleichzeitig scharf die Luft ein.

“Was ist denn hier passiert?”, fragte Eliott fassungslos. Der ganze Hausflur war verwüstet, Gemälde von den Wänden gerissen, Schränke lagen in Trümmern auf dem Boden, alles war zerstört. Eliott trat langsam über den Schutt ins Haus.

“Mom?”, rief er.

“Evelyn?” Leonardo zog Eliott etwas zurück, als keine Antwort kam. Doch Eliott rannte schon vor. Im Wohnzimmer war niemand, nur völlige Verwüstung. Auch in der Küche war niemand zu finden.

“Mom?”, rief Eliott noch einmal, mit etwas Panik in der Stimme, und lief langsam die Treppe hoch. Er lief geradewegs auf ihr Schlafzimmer zu. Bevor er die Tür öffnen konnte, legte Leonardo seine Hand auf die Türklinke.

“Nicht.”, bat er, denn auf sein Bauchgefühl zu achten, hatte er schon lange gelernt. Eliott schüttelte den Kopf.

“Lass mich durch, Leo!”, befahl er eintönig. Nur widerwillig gab dieser den Weg frei und Eliott riss schwungvoll die Tür auf. Auf den ersten Blick sah man nichts Besonderes, nur die Verwüstung, die im ganzen Haus anzufinden war. Um zerstörte Einrichtungsgegenstände herum balancierend bahnte Eliott sich mit zittrigen Knien einen Weg zum Bett. Da lag sie und hätte Leonardo ihn nicht gehalten, wäre Eliott gestürzt. Mit aufgeschlitzter Kehle, die nackte Angst in den Augen, die weißen Bettlaken und ihr Kleid waren Blut verschmiert. Leonardo verstärkte den Griff um Eliott, als dessen Beine nachgaben, während er seine Mutter geschockt anstarrte. Schließlich schloss Eliott kurz die Augen und wandt sich aus Leonardos Griff. Ohne auf Leonardos Proteste zu hören, setzte er sich auf das Bett neben seiner Mutter, griff nach ihrer Hand. Er ließ seinen Kopf gegen ihre kalte Hand sinken und kniff die Lippen zusammen. Er wollte nicht weinen, nicht vor Leonardo. Nicht vor einem Mann, den er kaum kannte. Als Leonardo ihm eine Hand auf die Schulter legte, zuckte er zusammen.

“Du solltest ihr die Augen schließen.”, sagte Leonardo leise, betreten. Eliott glaubte, sein Herz setze einen Moment aus, dann beugte er sich langsam vor und legte seine Hand über ihre Augen. Als er seine Hand weggezogen hatte, stand er abrupt auf und rannte beinahe aus dem Zimmer. Leonardo folgte ihm besorgt.

“El-?”

“Nanine!”, rief Eliott und rannte die Treppe runter. Sie musste doch noch irgendwo sein. Hoffentlich! “Nanine!” Er erhielt keine Antwort, doch in der Besenkammer stieß jemand immer wieder gegen die Tür. Eliott zog mühsam den Sessel weg, der die Tür versperrte. Beim nächsten Stoß sprang sie auf und Eliott wurde in zwei kräftige Arme gezogen.

“Es tut mir so leid, Junger Herr!”, flüsterte Charles. “Ich war nicht schnell genug.” Eliott vergrub sein Gesicht in Charles breiter Brust und schüttelte den Kopf.

“Wo ist Nanine?”, fragte er gedämpft.

“Weg. Sie haben sie mitgenommen.”, erklärte Charles tonlos. Schluss! Er konnte nicht mehr. Eliott sackte zusammen und Charles fing ihn gerade noch auf, bevor sein Kopf auf den Boden knallte.

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