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Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Kapitel XII

Alles Wissen ist vergeblich ohne die Arbeit. Und alle Arbeit ist sinnlos ohne die Liebe.

~Khalil Gibran~‎

“Haben Sie Bücher über… ehm.. Schatten?” Die Bibliothekarin sah ihn misstrauisch an.

“Über Schatten? Natürlich. Aber wofür brauchst du das denn?” Eliotts Mundwinkel zuckte.

“Für den Unterricht.”, log er. Die Bibliothekarin, auf ihrem Namensschild konnte man Alyson Riordan entziffern, hob ungläubig eine Augenbraue hoch.

“Ich habe dich hier noch nie gesehen. Hast du überhaupt einen Ausweis?” Eliott druckste etwas herum, bevor er schließlich sagte:

“Ich bin erst seit ein paar Tagen hier.” Ihr Blick wurde etwas sanfter.

“Dann musst du Eliott sein. Für dich wurde bereits ein Antrag auf einen Ausweis erstellt. Er ist bereits fertig, du kannst ihn gerne haben.” Sie reichte Eliott nun freundlich lächelnd ein breites Leder-Armband, an dem ein kleiner,  Bronzestein steckte. Als er erst verwirrt das Armband und dann sie ansah, lachte sie. “Je höher du im Schuljahr steigst, desto mehr Steine bekommst du.”, erklärte sie, “Jeder Stein steht für einen bestimmten Abschnitt der Bibliothek, den du besuchen darfst und zeichnet sich gleichzeitig als Schüler der Akademie aus. Oder eben als ehemaliger Schüler.” Sie zeigte ihm sein Armband, bestückt mit fünf verschiedenen Steinen und drei Metallstreifen. “Im Bronzejahr zählt der Abschnitt, in dem die Bücher über die Schattenwelt stehen, allerdings nicht als frei gegeben. Er ist allgemein gesperrt, bis die Ausbildung abgeschlossen ist.” Sie sah ihn mitleidig an, bevor sie aufstand und ihren Stuhl ranschob.

“Komm, Eliott. Ich erkläre dir unser System.” Eliott folgte ihr, während sie die Gänge entlang ging. Der Teil, der für ihn freigegeben war, war hauptsächlich ein großer Teil Belletristik und Grundkurs-Lehrbücher für die Akademie-Schüler. Vor einem Abschnitt blieb sie stehen. Der Eingang war von einem Silber schimmernden Kraftfeld versperrt.

“Dieser Abschnitt ist ab dem Silberjahr freigegeben.” Sie griff nach seinem Arm und hob ihn vor einen Scanner. Ein rotes Kreuz leuchtete über dem Eingang auf. “Du darfst noch nicht hindurch. Das Armband registriert so auch jedes Buch das du ausleihst und fungiert außerdem als Symbol für andere Jahrgänge, in welchem Jahr du bist.” Sie führte ihn weiter zu den Abschnitten der Gold-, Diamant- und Obsidian Jahrgänge. Über die Bücher, die sich hinter den Toren befanden, durfte sie allerdings keine Auskunft geben. Als sie langsam wieder zurück zum Ausleih Tresen gingen, fragte sie: “Wann kommst du eigentlich in die Akademie, weißt du das? Leonardo sagte ja, er würde dich erst einmal selber unterrichten, aber irgendwann musst du ja dem normalen Unterricht beitreten.” Eliott zuckte mit den Schultern, er hatte bisher ja nicht einmal gewusst, dass es eine Akademie im Orden gab. Die Bibliothekarin hackte nicht weiter nach und setze sich wieder hinter den Tresen. Als sie nach einer Weile merkte, dass er immer noch da stand, sah sie auf.

“Ist sonst noch etwas?”

“Es ist nur… wenn Leonardo kommt, können Sie ihm vielleicht sagen, dass ich nicht hier bin?”

“Wieso das denn?”, fragte sie interessiert und legte den Kopf leicht schräg.

“Nun, wir haben uns gestritten, gewissermaßen.”, murmelte er. Sie lächelte warm.

“Natürlich.” Als Eliott sich dem Weg zurück zur Bibliothek zuwandte, rief sie ihm noch hinterher. “Ach übrigens, du kannst mich Alyson nennen. Das tun alle hier!” Eliott nickte und ging die langen Gänge des Bereichs des Bronzejahrs ab. Es sah so aus, als würde er ein bestimmtes Buch suchen, doch eigentlich grübelte er darüber nach, wie er in die gesperrte Abteilung kommen sollte. Als er so mit gesenktem Kopf die Bücherregale abging, stieß er plötzlich gegen jemanden, der vor einem Regal der Lehrbücher stand. Die Bücher fielen krachend zu Boden.

“Pass doch auf!”, schnauzte das Mädchen und durchbohrte ihn mit ihren stechend grünen Augen. Sie trug enge Jeans und ein hellblaues Top, darüber eine schwarze, enge Lederjacke. Ihre Fingernägel waren genauso blau wie ihr Top. Geschminkt war sie nicht, aber sie war auch so wirklich schön. Sie trug an jedem Ohr drei Ohrstecker und an ihrem Arm sah Eliott das Lederarmband der Akademie.

“Tschuldige”, murmelte Eliott nachdenklich und wollte sich bücken, um die Bücher auf zusammen, als das Mädchen eine wegwerfende Handbewegung machte.

“Lass es, ist nicht schlimm.” Sie machte eine kurze Hand Geste und die Bücher stapelten sich in der Luft wieder aufeinander. Sie strich sich eine rostbraune Locke hinter ihr Ohr und lächelte. “Ich bin Jenette Locksley. Du bist der Neuling, oder?” Eliott nickte immer noch etwas Geistes abwesend und schüttelte die makellose, sanfte Hand, die sie ihm anbot. Ein schneller Blick auf ihr Armband sagte ihm, dass sie bereits im Goldjahr war.

“Eliott”, sagte er knapp und sie nickte.

“Na? Flirtest du wieder, Jenni?”, ertönte eine spöttische Stimme hinter Eliott und er drehte sich um. Ein Junge, etwa in Eliotts Alter, aber etwas größer als er, balancierte ebenfalls einen Stapel Bücher auf den Armen. Er hatte die gleichen rostbraunen lockigen Haare und grünen Augen wie Jenette. Er trug ein T-Shirt mit Aufdruck zu irgendeinem undefinierbaren Comic, durchgewetzte Jeans und Sportschuhe. An seinem rechten Handgelenk hingen dutzend verschieden farbige Stoffbänder. Auch er trug das Lederarmband der Akademie, an diesem hing lediglich ein bronzefarbener Stein.

“Halt den Mund, Nathan!”, fauchte sie, musste aber unwillkürlich grinsen. “Ich flirte nicht. Das ist der Neue. Er hat mich angerempelt.”  

“Aus Versehen.”, ergänzte Eliott schnell. Nathan grinste.

“Is klar.” Mit deutlich größerem Interesse wandte er sich Eliott zu. “Du bist also der Neuling. Wann kommst du in die Akademie?” Eliott zuckte mit den Schultern.

“Ich weiß es doch nicht!”, erklärte er genervt. “Viel wichtiger ist eigentlich: Hat einer von euch ein Handy oder so? Ich habe meins in meinem Zimmer vergessen und muss dringend jemanden anrufen.” Nathan grinste spöttisch.

“Wen denn? Etwa deine Mami? Ihr sagen, dass du heile angekommen bist?” Eliott kniff die Augen zusammen.

“Meine Mutter ist tot!”, erwiderte er kalt. Jenette zog zischend die Luft zwischen den Zähnen ein und Nathans Gesicht verzog sich reuevoll.

“Sorry.”, nuschelte er dann und holte sein Handy aus der Hosentasche. Mit einem entschuldigenden Blick reichte er es Eliott. “Beeil dich aber!”

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