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Kapitel XVIII

Der Mensch trägt immer seine ganze Geschichte und die Geschichte der Menschheit mit sich.

~Carl Gustav Jung~

Vor ihnen erstreckte sich ein mittelgroßer, dunkler Raum, der nur von ein paar Kerzen erleuchtet wurden, die sich selbst entzündet hatten, als sie eingetreten waren. Stumm liefen die drei an den Regalwänden entlang und musterten die Bücher.

“Das verstehe ich nicht.”, sagte Eliott plötzlich.

“Hm?” Nathan und Jenette blieben stehen und sahen ihn erwartungsvoll an.

“Ich dachte wir sind in Venedig? Wieso sind hier dann alle Titel auf Französisch. Oder auf Deutsch?” Nathan kicherte.

“Das hätte dir auch in der Bibliothek auffallen müssen!” Eliott sah ihn verwirrte an.

“Jeder sieht das Buch in der Sprache, die er versteht. Bei dir also Deutsch oder Französisch, wir sehen die Titel auf Italienisch, Deutsch, Japanisch, Englisch oder Russisch. Zumindest soweit unser Sprachgebrauch reicht.”, fügte Jenette ihrer Erklärung schnell an.

“So viele Sprachen sprecht ihr?”

“In der Akademie muss jeder diese fünf Sprachen lernen.”

“Wieso?”

“In Venedig, also Italien, liegt eines der sechs Hauptquartiere, die anderen sind in Deutschland, Japan, England, Amerika und Russland. Und dann gibt es noch einige kleinere Quartiere, aber die sind ziemlich verstreut.”

“Ihr müsst all diese Sprachen lernen?” Eliott war einigermaßen entsetzt. Nathan schnaubte.

“Jupp. Aber freu dich nicht zu früh, sobald du in die Akademie kommst, musst du sie auch lernen. Du hast nur noch den Vorteil, dass Deutsch für dich fast Muttersprache ist und Italienisch dem Französischen sehr ähnlich kommt.” Eliott schluckte.

“Englisch kann ich auch, wir haben eine Weile in England gewohnt. Aber lernt ihr noch irgendetwas anderes? Außer Sprachen, meine ich?” Nathan lachte und drehte sich wieder zurück zum Regal.

“Klar!”, ertönte Jenettes Stimme von der anderen Seite des Regals. “Kommt mal her, Jungs. Das sind, glaube ich, genau die richtigen Bücher!” Eliott und Nathan rannten auf die andere Seite, wo Jenette auf einige Bücher deutete. Eliott nahm ein Buch mit dem Titel ‘Eintritt in die Schattenwelt’ in die Hand und blätterte etwas darin herum. Er stöhnte.

“Das kann doch nicht wahr sein!” Genauso wie in dem Buch, dass ihm Leonardo im Krankenhaus gegeben hatte, waren diese Buchstaben wahllos auf der Seite verteilt worden. Es ergab einfach keinen Sinn, was da stand. Nathan lugte ihm über die Schulter.

“Was ist denn das?”, fragte er irritiert und riss Eliott das Buch aus der Hand.

“Keine Ahnung, ich dachte ihr wüsstet das vielleicht. Aber ich habe in meinem Zimmer noch so ein Buch liegen. Hat Leonardo mir im Krankenhaus gegeben.”

“Krankenhaus?”, fragte Jenette und Eliott winkte ab.

“Unwichtig.”

“Hat Leonardo irgendetwas zu dem Buch gesagt?” Eliott schüttelte den Kopf.

“Es war allgemein total schräg. Er ist sofort wieder verschwunden.”

“Hm.” Jenette legte den Kopf schief. “Ich glaube, wir sollten den mal ein wenig hinterher spionieren. Ich habe nämlich gestern ein Gespräch zwischen Leonardo und einem Mann namens Julius Raiken belauscht, vor Leonardos Büro.” Sie bedachte die Jungen kurz mit einem entschuldigenden Blick. “Ich weiß, macht man nicht. Aber sie hatten über dich gesprochen, El, und auch über irgendein Buch. Ich meine, ich kannte dich noch nicht, aber sie klangen total aufgebracht-“

“Mich?”, unterbrach Eliott sie überrascht. “Was haben sie denn gesagt?”

“Naja, dieser Raiken hat Leonardo gefragt, wieso er dir das Buch schon gegeben habe und Leonardo meinte, dass er das gar nicht hätte, es läge immer noch bei ihm im Schrank. Der Raiken meinte aber, Eliott, also du, hättest mit dem Buch auf dem Schoß in seinem Büro im Krankenhaus gesessen und erzählt, dass Leonardo es ihm gegeben habe. Leonardo hat in seinem Schrank nachgeschaut, aber es war wirklich nicht mehr da. Und jetzt, haltet euch fest! Leonardo hat einen Zwillingsbruder und sie vermuten, dass also gar nicht Leonardo dir das Buch gegeben hat, sondern dieser Zwilling. Doch das seltsamste ist, dass dieser Zwillingsbruder schon seit vierzehn Jahren in Russland im Hochsicherheits Gefängnis sitzt!” Nathan sog scharf die Luft ein und Eliott riss ungläubig die Augen auf.

“Krass!”, entfuhr es ihnen.

“In der Tat. Und noch seltsamer ist eigentlich… El, sie haben den Namen von diesem Bruder gesagt. Theodor Duchan, aber dass ist gar nicht Leonardos Nachname, so…-“

“Sondern meiner!”, murmelte Eliott. Ihm war schwindelig von diesem ganzen Hin und Her. “Aber wie kann das sein? Leonardo heißt diCoro und ich habe meinen Namen von meinem Vater, Olliver Duchan. Dad hat keine Geschwister und Leonardo hat gesagt, er sei der Bruder meiner Mutter.”

“Also dein Onkel!”, schlussfolgerte Nathan. Eliott nickte irritiert.

“Und was ist, wenn Leonardo gar nicht der Bruder deiner Mutter ist, sondern der von deinem Vater?”, schlug Jenette vor, doch Eliott schüttelte den Kopf.

“Wieso sollte er dann sagen, er sei ihr Bruder? Und außerdem weiß ich ganz sicher, dass Dad keine Geschwister hatte!”

“Stimmt. Und wenn Leonardo gar nicht diCoro heißt, sondern Duchan?”

“Aber wieso?” Eliott fuhr sich durchs dunkle Haar. “Das ergibt doch keinen Sinn!” Ein Piepen ließ sie alle zusammen zucken. Es kam von Jenettes Uhr.

“Schon drei! Wir müssen uns beeilen. Wir reden zu Hause weiter!”, rief Jenette erschrocken und zog einige Bücher aus dem Regal, die sie in den Rucksack stopfte.

“Und da erklärst du dann auch die Sache mit dem Krankenhaus, Eliott.”, fügte Nathan hinzu. Sie liefen zurück zur Tür, schlossen sie wieder, zogen die Steine heraus und legten sie auf den Tisch. Dann liefen sie weiter zu der Tür mit dem Totenkopf und schlossen auch diese hinter ihnen.

»Schon fertig, die Herren und Dame?”, fragte er mit seiner schnarrenden Stimme.

“Ihnen auch noch eine schöne Nacht!”, rief Eliott. Jenette stellte den Rucksack auf dem Scanner, damit dieser die Bücher erfassen konnte, riss ihn nach dem Piepen sofort wieder runter und sie rannten weiter.

“Was sollte das denn?”, erkundigte sich Nathan.

“Sorry, bin etwas irritiert.”

“Hört auf zu labern!”, kommandierte Jenette. Sie standen auf der Piazza. “Da lang! Los! Dad fährt in einer Stunde ab, wir müssen das Armband rechtzeitig zurück bringen!” Sie rannten zurück zu dem Haus der Locksleys, schlichen unbemerkt rein und Nathan legte das Armband wieder an den alten Platz zurück. Als sie schließlich wieder in ihren Betten lagen, seufzten sie alle erleichtert auf. Der Rucksack war in Nathans Schrank versteckt.

“Das mit dem Krankenhaus und dem anderen Mysterium klären wir morgen!”, hatte Jenette geflüstert, bevor sie in ihrem Zimmer verschwunden war. Jetzt musterte Eliott tot müde die Zimmerdecke über sich, dann schloss er die Augen und schlief sofort ein.

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