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Kapitel XX

Mach dir nicht die Mühe, besser zu sein als deine Zeitgenossen oder deine Vorfahren. Versuche nur, besser zu sein, als du selbst.

~Wiliam Faulkner~

“Wo warst du?”, fragte Leonardo scharf und schlug die Tür hinter sich zu.

“Bei den Locksleys.”, antwortete Eliott knapp. Als Leonardo sich hinter seinen Schreibtisch setzte und Eliott bedeutete, ebenfalls Platz zu nehmen, blieb dieser jedoch stehen.

“Und wieso?” Leonardo durchbohrte ihn fast mit seinen Blicken. “Du schleichst dich einfach davon, bist dann die ganze Nacht weg, ohne eine Nachricht zu hinterlassen-“

“Du bist nicht mein Vater!”, platze es aus Eliott heraus. Leonardo verzog das Gesicht, was von Eliott nicht unbemerkt blieb.

“Aber nach dem Tod deiner Eltern bin ich als dein Onkel nun für dich zuständig.”

“Bist du überhaupt nicht! Ich kann gut auf mich alleine aufpassen!”, rief Eliott laut. “Du hast mir gar nichts zu sagen!”

“Und ich habe mir trotzdem Sorgen gemacht!” Nun wurde auch Leonardo ziemlich laut und er sprang auf. “Und ich bin sehr wohl für dich zuständig, auch wenn es rechtlich noch nicht geklärt wurde!” Eliott schnaubte, erwiderte aber nichts mehr. Langsam setzte sein Onkel sich wieder. “Entschuldige bitte.” Eliott nickte und setzte sich nun doch.

“Ich habe Nathan und Jenette in der Bibliothek kennengelernt.”, erklärte er. Leonardo sah überrascht aus.

“Dann hast du also schon dein Armband!” Eliott zeigte ihm das breite Lederband mit dem Bronzestein an seinem Handgelenk. “Komisch. Alison meinte, du wärst nicht in der Bibliothek gewesen.”

“Ich war sauer auf dich.”, erwiederte Eliott nüchtern. “Ich habe sie gebeten, nichts zu sagen. Sie hat mir alles über die Bibliothek erzählt und dann kam Timothy und hat mich zum Essen eingeladen.” Er war immer noch etwas verwundert über diese Aktion, doch Leonardo lachte nur, als würde ihm das ziemlich bekannt vorkommen.

“Jaja. Timothy und seine Spontanität. Daran wirst du dich gewöhnen müssen, wenn du dich mit den Locksleys angefreundet hast!”

“Das hat Jenni- Jenette auch gesagt.” Eliott versuchte das Thema von der vergangenen Nacht abzulenken. “Sie haben auch gefragt, wann ich in die Akademie komme. Wieso hast du mir davon nichts gesagt?” Leonardo seufzte.

“Eliott, du bist ohne jegliche Magie Kenntnisse aufgewachsen. Ich wollte dich nicht in den Unterricht stecken, in dem du möglicherweise ewig hinterher hängen wirst. Aber es freut mich zu hören, dass du das Thema Magie nicht mehr so ablehnst!” Eliott zog verärgert die Stirn kraus und konzentriere sich auf den Bücherstapel auf Leonardos Schreibtisch. Ganz langsam erhob sich der Stapel in die Luft und wankte zum Regal. Etwas unsicher flog ein Buch nach dem anderen in entsprechende Lücken. Nur das letzte Buch knallte mit einem leisen Seufzer schließlich auf den Boden. Leonardos Mund stand offen und sein Blick wanderte zwischen Eliott, dem Schreibtisch und dem Regal hin und her.

“Jenette hat mich einem Magie Crash-Kurs unterzogen.”, erklärte Eliott etwas erschöpft, aber trotzig. Es war doch anstrengender, Magie zu verwenden, als er gedacht hatte. Letzte Nacht hatte er es kaum gemerkt, doch jetzt…

“Erstaunlich!”, murmelte Leonardo. “Habt ihr nur mit Luftmagie geübt oder-“

“Mit allen.”

“Mit allen?! Auch Chaos?”

“Ja.”

“Erstaunlich!”, sagte Leonardo erneut. Er schmunzelte. “Ich denke mal, sie wollen, dass du schnell in die Akademie kommst, oder?” Eliott nickte schulterzuckend. “Wie gut beherrschst du die Elemente?”

“Ich weiß es nicht. Aber Nathan und Jenette waren ziemlich erstaunt, dass ich gleich beim ersten Mal alle fünf geschafft habe.” Leonardo runzelte die Stirn.

“Mach es noch einmal!”, forderte er. Eliott war irritiert.

“Was?”

“Beschwöre noch einmal die Elemente. Alle fünf!” Eliott blinzelte verwirrt, stand aber auf, streckte seinen Arm aus und versank erneut in Gedanken und der Vorstellung, wie die Elemente wirkten. Er hatte die Augen wieder offen und sah, wie sich die Elemente in Schlangenlinien um ihn herum wanden und immer schneller wurden, um schließlich in einem bunten Strudel um ihn herum zu wirbeln. Ein Schweißtropfen rann ihm über die Stirn, doch er ignorierte ihn und hielt den Strudel aufrecht. Erst als Leonardo sanft “Es reicht jetzt, El.” sagte, brach der Magiestrom ab. Er fiel zurück auf den Stuhl.

“Es ist anstrengend, oder?”, fragte Leonardo, als Eliott wieder zu Atem gekommen war. “Aber daran gewöhnt der Körper sich nach einigen Übungen.” Eliott antwortete nicht und Leonardo musterte seinen Neffen. Das dunkle Haar klebte ihm in der Stirn, er hatte Augenringe und Leonardo fragte sich, ob er blasser als sonst war.

“Geht es dir gut?”, fragte Leonardo und Eliott nickte energisch. Eine Weile hing Schweigen zwischen ihnen.

“Kann ich dann jetzt auf die Akademie?”, fragte Eliott endlich. Leonardo kniff die Augen zusammen.

“Heute noch nicht, es ist sowieso Donnerstag. Ab Montag!”, sagte er nachdenklich. “Aber ich möchte, dass du vorher noch einmal zu Dr. Raiken gehst.” Wut blitzte in Eliotts Augen auf.

“Wieso?”

“Nur für einen kleinen Check. Ganz harmlos.”, beruhigte Leonardo ihn. “Doch El, wenn du auf die Akademie möchtest, wirst du dort einem Haus zugeteilt und dir dort auch mit jemanden ein Zimmer teilen. Du bist dann nur an dem Wochenenden zu Hause.” Er wollte eigentlich nicht, dass Eliott schon in die Akademie ging. So lange hatten sie sich nicht gesehen, solange waren sie voneinander getrennt. Für Eliott bedeutete es nichts, aber Leonardo…

“Das ist okay. Ich habe eh kein zu Hause mehr.” Eliott stand auf und ging zur Tür. Doch er öffnete sie noch nicht. Das Gespräch zwischen Dr. Raiken und Leonardo war ihm wieder eingefallen. Das, das Jenette belauscht hatte. Er drehte sich noch einmal um. “Wie heißt du nochmal mit Nachnamen, Leonardo?”, fragte er. Leonardo schwieg einen Moment.

“Mein Familienname lautet diCoro.”, antwortete er trocken. “Und jetzt geh bitte.”

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