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Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Montagsmörder (2. Teil)

“Hättest du jetzt nicht eigentlich eine Vorlesung?” Die Nase des Schwarzhaarigen zuckte, als Molly ihn ansprach und er seufzte.

“Nein.” Dabei beließ er es. Molly allerdings nicht.

“Nicht? Ich dachte du hättest jetzt Psychologie.”

“Nein. Ich suche mir selbst aus, welche Vorlesungen ich besuche.” Damit wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Arbeitstisch zu, der vollgestopft war mit Reagenzgläsern, Glaskolben, Bunsenbrennern, Petrischalen, Lupen, einem Mikroskop und anderen Werkzeugen, die man im der Chemie verwendete.

In seinem momentanen Experiment ging es offenbar darum, wie sich verschiedene Mengen der selben Flüssigkeit auf verschiedenen Böden ausbreiteten. Er hatte Teppichbodenmuster in verschiedenen Größen auf  seinen Tisch und nutzte Pipetten und Messbecher, in denen die gleiche rote Flüssigkeit schwamm. Er beobachtete, wie sich Pfützen auf dem Teppichbodenflor ausbreiteten.

Dabei ignorierte er Molly völlig, obwohl sie einige Male zum Sprechen ansetzte, und dann schließlich aufgab.

“Die Flüssigkeit hat die selbe Zähflüssigkeit wie Blut.”, erklärte der junge Mann nach einer ganzen Weile, als hätte Molly nachgefragt, was er da tat. “Wenn wir uns vorstellen, dass Blut in einem stetigen Strom aus einer Wunde auf den Boden tropft-“

“Wie es das eben tut”, unterbrach Molly, ihn, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch er beachtete das gar nicht.

“-und wir wissen, wie das Blut mit der Oberfläche reagiert, können wir aus der Ausbreitung der Blutlache schließen, wie viel Blut das Opfer verloren hat.” Er machte eine Pause, in der er die Augenbraue hoch zog und offensichtlich auf eine Frage ihrerseits wartete. Sie seufzte.

“Und warum will man das wissen?”

Er ließ sich Zeit mit der Antwort und beobachtete, wie die letzte Flüssigkeitsmenge in einen festgewobenen Teppichboden sickerte, wie man ihn zum Beispiel in Bürogebäuden sah.

“Wenn man außer einem Blutfleck keinen Anhaltspunkt hat. An einem Tatort zum Beispiel. Wenn das Opfer sich nicht mehr im Raum befindet, will man auf diese Weise heraus finden, ob man nach einem lebendigen Opfer oder nach einer Leiche suchen muss.” Er stellte den Messbecher ab und ein leises Lächeln umspielte seine schmalen Lippen. “Ich kann schon so viel sagen, dass der Mann, von dem dieser Blutfleck stammt, es höchstwahrscheinlich noch lebend ins Krankenhaus geschafft hat, während dieser Mann…” Er zeigte auf ein Teplichbodenstück in der Ecke mit einem viel größeren Fleck auf dem Viereck. “Man muss mir keine Leiche präsentieren, damit ich glaube, dass der Mann mit diesem Fleck tot ist. Mit ähnlichen Methoden werden Krankenschwestern in Kliniken unterrichtet.”

Der letzte Punkt interessierte Molly, die sich selber gerade zur Ärztin ausbilden ließ. Trotzdem wechselte sie schnell das Thema, als der Schwarzhaarige sich aufrichtete und dem Tisch den Rücken zu wandte, um sich in einem kleinen schwarzen Buch Notizen zu machen.

“Wenn du hier fertig bist, willst du dann mit mir-“

“Du trägst Lippenstift”, unterbrach er sie, da er eben aufgeschaut hatte, als sie ihn angesprochen hatte und starrte offensichtlich auf ihren Mund. “Vorhin war da noch keiner.” Schlagartig lief sie rot an, doch dem Schwarzhaarigen schien das gar nicht aufzufallen.

“Äh, ich.. hab ihn nur aufgefrischt.”

“Sorry.” Er wandte sich wieder seinem Buch zu, dann sah er wieder zurück zu ihr. “Was wolltest du sagen?”

Molly schloss kurz irritiert die Augen, dann lächelte sie, bevor sie sie wieder öffnete.

“Wie wär’s mit einem Kaffee nach deiner Arbeit?” Ihre Stimme klang in ihren Ohren unnatürlich hoch, aber jetzt im Nachhinein war sie froh, ihre ursprüngliche Frage etwas abgewandelt zu haben.

Der Andere klappte abrupt das Buch zu und linste mit halb geschlossenen Augen über den Rand. “Schwarz, zwei Stück Zucker.” Dann ging er zu einem der anderen Tische rüber und setzte sich an einen der Stühle.

Irgendwie hatte er sie wohl falsch verstanden.

Gerade während der junge Mann alleine im Keller saß, er ließ mit konzentrierter Miene einige Tropfen in eine Petrischale fallen, kamen Mike und John herein.

John sah sich um. “Hat sich einiges verändert seit der Besichtigung. Das hier war doch mal der Kostümraum!” Der Experimentierende hob etwas den Kopf und linste aus dem Augenwinkel zu den Beiden rüber.

“Wenn du wüsstest..”, antwortete Mike ihm leise.

“Mike.”, sagte der Schwarzhaarige plötzlich und John bemerkte zum ersten Mal den Hoch gewachsenen, schwarzhaarigen jungen Mann mit den stahl grauen Augen, nicht viel älter als er. “Leihst du mir dein Handy? Ich hab hier keinen Empfang.”

“Und Festnetz?”, fragte Mike und deutete auf ein Kabeltelefon am der Wand neben der Tür.

“Ich bevorzuge SMS.”, kam die kühle Antwort.

“Tut mir leid, ist in meiner Jacke.”, entschuldigte Mike sich, doch John reagierte bereits.

Er hatte sein Handy aus seiner Jacke gezogen und reichte es dem jungen Mann.

“Hier, nimm meins.” Abrupt stand der Andere auf und John bemerkte, wie schlaksig und groß der höchstens neunzehn Jährige war. Er überragte ihn um mindestens einen Kopf.

“Oh, vielen Dank.” Er nahm das Handy und fing an zu tippen, während Mike ihn vorstellte.

“John, ein alter Freund von mir.” John stand etwas teilnahmslos daneben, während dieser alte Freund seine SMS tippte.

“Wie war es in Afghanistan?”, fragte der plötzlich und John sah ihn abrupt an.

“Bitte?”, fragte John verwirrt.

“Ihr Auslandsjahr, in Afghanistan. War doch Afghanistan, oder?”

“Eh.. Ja, aber woher…” Eine junge, braunhaarige Frau kam herein, eine Tasse mit einer dampfenden Flüssigkeit in der Hand. Sie trug einen weißen Kittel und zog sofort die Aufmerksamkeit auf sich.

“Oh, Molly. Danke für den Kaffee!”, sagte der Schwarzhaarige sofort und nahm ihr die Tasse ab, rechts die Tasse, links hielt er das Handy. “Was ist mit dem Lippenstift?”, fragte er verdutzt, bezogen auf eine anscheinend vorher schon geführte Unterhaltung.

“Hat nicht funktioniert..”, seufzte die Braunhaarige, Molly, als Antwort.

“Schade.” Ihr Gegenüber schien ehrlich betroffen. “Ohne wirkt dein Gesicht so fade.” Augenblicklich wurde sie wieder rot, doch er merkte das gar nicht, denn er tippte bereits wieder. Also verließ sie den Raum. Verwirrt sah John ihr nach, dann drehte er sich wieder um.

“Wie stehst du zu Geigen?”, fragte der Schwarzhaarige gerade.

Erneut schwieg John erst verblüfft, bevor er fragte: “Wie bitte?”

“Wenn ich nachdenken muss, spiele ich Geige. Manchmal sage ich Tagelang kein Wort. Ich finde, man sollte das schlimmste über seinen Mitbewohner im Voraus wissen.” John schwieg erneut, dann drehte er sich zu Mike um, der es sich mittlerweile an einem der Tische gemütlich gemacht hatte und einen Schokoriegel vernaschte.

“Hast du ihm von mir erzählt?”

“Kein Wort”, sagte dieser lächelnd und schüttelte den Kopf.

“Und wer redet dann von Zusammen wohnen?”, knurrte John genervt.

“Ich!” Der Schwarzhaarige hatte seine Tasse offenbar leer getrunken und die SMS abgeschickt, denn er hatte beides auf den Tisch gestellt und zog sich gerade seinen Trenchcoat an, ebenfalls schwarz. “Ich sagte Mike heute morgen vor der ersten Vorlesung, dass ich einen Mitbewohner suche… Und nun kommt er mit einem alten Freund aus seiner Mittagspause zurück. Noch dazu einem, dessen Auslandsjahr in Afghanistan nicht sonderlich blumig verlaufen ist.. Klarer Fall.” Er ging zur Tür und öffnete sie bereits einen Spalt. “Ich habe da eine nette Studentenwohnung im Zentrum im Auge. Zusammen könnten wir sie finanzieren. Wir treffen uns dort um 19 Uhr. Ich muss los, gleich findet eine sehr interessante Vorlesung über Körpersprache statt.” Seine Augen leuchteten.

“Das war’s?” In Johns Gesicht stand die Abneigung, Verwirrung und Verblüffung in Großbuchstaben. Nie hatte er so viele widersprüchliche Gefühle auf einmal gehabt.

“Was denn?”

“Wir kennen uns nicht und ziehen zusammen?” Johns Stimme war etwas lauter geworden, als beabsichtigt.

“Wo ist das Problem?” Unverständnis.

John schnaubte. “Ich weiß nicht, wo wir uns treffen wollen. Ich kenne nicht mal deinen Namen!”

Der Schwarzhaarige holte tief Luft, während er die Tür wieder schloss, bevor er begann: “Ich weiß, dass du nach Schulabschluss bevor du an der University anfangen wolltest ein Auslandsjahr in Afghanistan gemacht hast, bei einer Prügelei wurdest du allerdings angeschossen und der Sohn deiner Gastfamilie wurde getötet. Du hast einen älteren Bruder, der sich Sorgen macht, doch du bittest ihn nicht um Hilfe, weil du ihn ablehnst. Vermutlich weil er Alkoholiker ist, wahrscheinlicher aber, weil er seine Frau verlassen hat. Und ich weiß, dass dein Therapeut dein Hinken für psychosomatisch hält. Nicht zu Unrecht, fürchte ich.”, erzählte er in einem Fluss und ohne zwischendurch Luft zu holen. Jetzt musste er diesem Bedürfnis doch kurz nach kommen und deutete auf Johns Knie und den Stock, während dessen Augen bei jeder Aussage immer größer geworden waren und ihm das Entsetzten praktisch ins Gesicht geschrieben stand. “Das sollte für’s Erste genügen, was meinst du?”

Wer zum Henker ist das…?!, fragte John sich sprachlos.

Der Schwarzhaarige öffnete nun endlich wieder die Tür, drehte sich aber nochmal mit einem Grinsen um. “Achja! Mein Name ist Sherlock Holmes”, er zwinkerte, “und die Adresse ist 221B Baker Street. Wir sehen uns!” Damit schlug die Tür hinter sich zu. Langes Schweigen breitete sich in dem Kellerraum aus.

“Ja. Er ist immer so.”, sagte Mike dann und grinste vor sich hin, während John ziemlich erschlagen und wortlos da stand und ein Loch in die Tür starrte.

Was um alles in der Welt ist da gerade passiert?!

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