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Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Montagsmörder (3. Teil)

221 B Baker Street

Das Taxi hielt an und John öffnete die Tür, nachdem er dem Fahrer das Geld gegeben hatte, stieg aus und blieb auf dem Gehsteig stehen.

Vor sich sah er die schwarz lackierte Tür der Wohnung, die er gesucht hatte. Unter der leicht abgeblätterten Messingfarbenen Hausnummer war ein ebenso gestalteter Türklopfer angebracht, länglich schmal. Er bewegte sich etwas im Wind und tippte bei jedem Stoß leicht gegen das Holz, aber nicht so stark, dass man es mit einem Klopfen verwechseln könnte.

Sherlock Holmes war noch nicht da, und John fiel jetzt erst auf, als er ungeduldig auf sein Handy guckte, dass er den Anderen gar nicht nach seiner Nummer gefragt hatte. Leise seufzte er und ging bereits zur Tür, um anzuklopfen, da ertönte eine erst seit Kurzem bekannte Stimme hinter ihm.

“Hallo.” Mit beschwingten, federnden Schritten kam Sherlock, der gerade aus dem Taxi gesprungen war, auf ihn zu. Er trug noch die Uniform der Universität mit einer ziemlich schlampig gebundenen Krawatte, John wunderte sich, dass er überhaupt eine trug, und einem heraus hängenden Hemd, dass er im Gehen eilig wieder in die Hose steckte.

“Sherlock”, begrüßte John ihn. Der Größere reichte ihm überschwänglich gut gelaunt die Hand.

“John! Schön, dich zu sehen!” Als hätte er fast nicht damit gerechnet.

“Die Gegend ist doch bestimmt teuer?”, merkte John an, als sich ihre Hände wieder lösten, und entlockte Sherlock damit sofort ein selbstzufriedenes Grinsen.

“Die Vermieterin, Mrs Hudson, ist im Preis runter gegangen. Sie schuldete mir noch was.” Er ging zur Tür und klopfte an, und John beeilte sich verdutzt, ihn zu folgen.

“Wieso denn?”, fragte er schnell.

“Ihr Mann war wegen Mordes angeklagt. Ich hab verhindert, dass er ins Gefängnis kam, indem ich bewiesen habe, dass er den Mord gar nicht ausüben konnte.” Sherlock klopfte noch einmal, als sich nichts tat, und als er die Hand wieder löste, blätterte ein weiteres Stück der Messingfarbe vom Türklopfer ab.

“Warum denn?” Sherlock hatte Johns Neugierde geweckt, auch wenn der Kleinere das nicht zugeben wollte. Sherlock schnaubte etwas amüsiert.

“Weil er zu dem Zeitpunkt damit beschäftigt war, eine Bank auszuräumen.” Genau in dem Moment, als Sherlock seinen Satz beendete und John ihn völlig verdutzt musterte, er hatte das Gefühl, dass ihm das in Sherlocks Gesellschaft immer öfter geschah, öffnete sich die Tür mit einem Klacken, schwang nach innen auf, und eine etwas ältere Frau, mit kurzen weißen Haaren in einem Matrosenblauen Kleid öffnete die Tür.

“Sherlock! Willkommen!”, rief sie freudig, umarmte den Jüngeren und drückte ihm links und rechts ein Küsschen auf die Wange, die er, als sie sich John zu wandte, mit einer unauffälligen Bewegung seines Arms abwischte. “Und du musst Johnny sein!” Auch er bekam zwei Küsschen.

“John!”, verbesserte der Blonde hüstelnd. “John reicht völlig!”

“Aber natürlich, Johnny! Kommt herein, nur herein!” Sie drehte sich um und ging voran, eine Treppe hoch in den ersten Stock, hinter ihnen schlug die Tür zu. Sherlock hing hinter Mrs Hudson, mit festen, selbstsicheren und gut gelaunten Schritten. Währenddessen warf er einen Blick zurück auf John, der ihm mit etwas Abstand und eher leise folgte.

In der ersten Etage angelangt öffnete Sherlock die Tür.

Ein mittelgroßer Raum erstreckte sich vor ihnen, jede Wand war unterschiedlich tapeziert. Gegenüber der Tür befanden sich zwei hohe Fenster, eingelassen in eine schlichte, weiße Wand. Zwischen den Fenstern stand ein Tisch, beladen mit einer Lampe und Kartons, umringt von drei Stühlen. Die Wand links vom Fenster ist mit einer Tapete in grün-weißen Blattmuster gehalten, in diese Wand sind auch ein Kamin und links und rechts davon Bücherregale eingelassen. Davor stehen zwei Sessel. Gegenüber vom Kamin ist die Wand mit einem rot-weißen Blattmuster tapeziert, davor steht ein Sofa, beladen mit einem Koffer gefüllt mit Ordnern, außerdem liegt daneben eine Violine. Davor steht ein kleiner Couchtisch, ebenfalls überfüllt mit Ordnern. Der Boden besteht aus altem Laminat, das dort, wo die Sessel stehen, von einem weinroten Teppich geschützt werden. Die vierte Wand, an der Türseite, war ebenfalls schlicht weiß gehalten und dort war eine weitere Tür, durch die man in eine kleine Küche gelangte.

“Das Zimmer sieht ganz gut aus. Könnte nett werden-“, begann John, wurde aber direkt von Sherlock unterbrochen.

“Ja, das dachte ich auch, also bin ich direkt eingezogen!”

“…Ohne das ganze Gerümpel…”, beendete John seinen Satz und Sherlocks Gesicht wurde lang.

“Oh…” Er schluckte und John kicherte nervös.

“Das gehört alles dir?”

“Ich kann ein wenig aufräumen!” Sherlock hastete los, räumte das Sofa frei, indem er den Koffer auf den Boden schmiss, die Violine hingegen vorsichtig nahm und in die Ecke stellte. Dann rammte er ein paar lose Zettel mit einem Messer in den Tisch.

John folgte den Bemühungen seines anscheinend zukünftigen Mitbewohners mit den Augen, und sein Blick blieb an etwas weißen auf dem Kamin hängen.

“Ein Schädel?!”, fragte er entsetzt.

“Ein Freund von mir”, kam die kurze Antwort. “Was meinst du, John?”

Ein Freund von ihm?!

“Oben wäre noch ein Schlafzimmer, wenn ihr überhaupt ein zweites braucht-“, mischte sich Mrs Hudson mit einem ganz unschuldigen Lächeln ein.

“Aber natürlich brauchen wir zwei!” John fühlte, wie sein Auge zu zucken begann.

“Oh keine Sorge!” Mrs Hudson redete einfach fröhlich weiter. “In letzter Zeit wohnt hier alles Mögliche. Nebenan sind sogar welche eingezogen, die verheiratet sind!” Johns Gesichtsausdruck verfinsterte sich noch mehr, während Sherlock weiter rum rannte und weiter ‘aufräumte’ und Mrs Hudson alles kommentierte.

Klingt ja prächtig…

“Sherlock Holmes…”, begann John. “Ich hab gestern ein bisschen im Internet recherchiert über dich.”

“Und? Etwas Interessantes gefunden?” Sherlock hatte mittlerweile seinen Trenchcoat ausgezogen und über einen Stuhl gehängt, und stand jetzt am Fenster. Den Vorhang hatte er mit einem Finger ein Stück zurück gezogen, während er auf die Straße spähte.

“Nicht viel…” John setzte sich auf einen der Sessel mit dem Rücken zur Küche, wo Mrs Hudson gerade Tee aufbereitete, streckte sein Bein aus und legte den Stock neben sich auf den Boden. “Ein paar Urkunden aus der Schule, Erster Platz bei irgendwelchen Naturwissenschaftlichen Wettbewerben. Und deine Webseite ‘Die Wissenschaft der Deduktion-“

“Gefällt sie dir? Einer meiner Professoren hat mir dabei geholfen.” Mit einem offensichtlichen Grinsen drehte Sherlock sich um, und John erlaubte sich den Spaß, den Kopf kritisch hin und her zu legen, bis seine Neugier siegte.

“Du behauptest, Softwareentwickler an ihrer Krawatte zu erkennen, und Piloten an ihrem linken Daumen.”

“Ja. Dein Auslandsjahr lese ich aus deinem Gesicht und deinem Bein, und die Trinkgewohnheiten deines Bruders aus deinem Handy.”

“Wie…?” Bevor Sherlock auf diese halb begonnene Frage antworten konnte, kam Mrs Hudson in das Zimmer, in der Hand eine aufgeschlagen Zeitung.

“Und was ist mit den Suiziden? Fallen die nicht auch in deinem Bereich? Drei, die sich genau gleichen?”

“Vier.” Sherlock hatte etwas draußen auf der Straße entdeckt. “Normalerweise versucht die Polizei, meine Hilfe zu vermeiden, schließlich bin ich ja nicht mal richtig erwachsen.” Er grinste leicht als er John zu zwinkerte. “Aber irgendwas ist bei der vierten Leiche anders!”

“Es gibt einen Vierten?”, fragte John entsetzt. Auch er hatte von den Selbstmorden gehört und sich seine Gedanken gemacht. Aber vier gleich Morde? Und woher wollte Sherlock das wissen?

Schnelle Schritte kamen die Treppe hinauf und ein etwas Mann um dir dreißig, mit weiß-blonden Haaren, gekleidet in einen schwarzen Anzug, erschien in der Tür. Um seinen Hals hing eine dieser typischen Polizeimarken.

Sherlock stand immer noch mit dem Gesicht zum Fenster, und damit mit dem Rücken zur Tür, doch noch bevor der Polizist richtig Luft holen konnte, fragte Sherlock bereits: “Und wo?”

“Brixton, Lauriston Gardens.”, stieß der Polizist etwas atemlos aus. Sherlock drehte sich noch immer nicht um.

“Wenn Sie zu mir kommen, muss diesmal etwas anders sein.”

“Ich würde nie zu dir kommen, wenn-“, begann der Polizist, doch Sherlock drehte sich halb um und schnitt ihm das Wort ab.

“Lestrade…” Dabei war sein Tonfall harsch, und gleichzeitig drängend, obwohl sich John nicht sicher war, ob er sich die Aufregung nur eingebildet hatte.

“Das Opfer hat zuvor versucht die Polizei anzurufen.”, erklärte Lestrade schnell. John erkannte ihn jetzt als den Polizisten, der immer die Pressefragen beantwortete, im Fernsehen hatte er ihn bereits öfter gesehen.

Sherlock schwieg kurz, dann fragte er: “Wer macht die Forensik?”

“Anderson.”

“Ich mag ihn nicht…” Mit dieser erstaunlich kindischen Antwort drehte er sich wieder um.

“Er wird nicht dein Assistent sein!”, murmelte Lestrade gereizt.

“Ich brauche einen Assistenten!” John war sich nicht sicher, ob Sherlock tatsächlich schmollte, oder ob er sich das nur einbildete.

“Kommst du denn dann, oder nicht?” Lestrade schabte wortwörtlich schon mit den Füßen über den Boden.

“Nicht im Streifenwagen… Ich komme nach.”, antwortete Sherlock kühl und distanziert.

“Danke!”, rief Lestrade noch, bevor er sich umdrehte und die Treppe wieder hinunter hastete, und nur einige Sekunden später fuhr auf der Straße ein Streifenwagen mit Blaulicht und Sirene davon.

Sherlock schaffte es ungefähr eine halbe Minute, sich zu beherrschen, dann wurde aus dem immer größer werdenden Lächeln ein unverkennbares Grinsen, woraufhin er dann begeistert in die Luft sprang und in die Hände klatschte.

“Hervorragend!”, schrie er beinahe begeistert, und so laut und plötzlich, dass Mrs Hudson die Teetasse in der Küche fallen ließ.

“Sherlock!”, rief Mrs Hudson tadelnd, doch der beachtete sie gar nicht.

“Vier scheinbar unlösbare Serienselbstmorde und der letzte mit einem gesetzten Notruf! Das ist wie Weihnachten und Ostern auf einmal!!” Er schnappte sich seinen Mantel und sprintet bereits zur Treppe, drehte sich aber auf dem Absatz noch einmal um. “Mrs Hudson, es wird vielleicht spät. Könnten Sie vielleicht etwas Essen warm halten?”

“Ich bin nicht deine Haushälterin!”, rief sie entrüstet, doch Sherlock schenkte ihr nur ein engelsgleiches Lächeln.

“Sie wissen doch, was für ein miserabler Koch ich bin.” Während Mrs Hudson noch zustimmend nickte, war er bereits, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe runter gehüpft.

“Ich mache dir einen neuen Tee, Johnny.”, murmelte Mrs Hudson und ging wieder in die Küche.

“John!”, rief John ihr nach. “Das reicht völlig, doch sie summte bereits und hörte ihn gar nicht.

Kurze Zeit später kam wieder jemand die Treppe hinauf gehastet, ebenfalls zwei Stufen auf einmal nehmend, und Sherlock  blieb kaum außer Atem in der Tür stehen. Sein Blick lag auf John.

“Arzt?”, fragte er nur.

“Angehender.” John stand auf und trat Sherlock gegenüber.

Wie der Neunzehn Jährige da so stand, mit Haaren, die abstanden in jede Richtung, immer noch in seiner Schuluniform, aber mit vor Begeisterung und Tatendrang glänzenden Augen, steckte er John an. Sein Herz begann wie wild zu schlagen.

“Erfahrung?” Sherlock musterte ihn kritisch von oben herab, wortwörtlich.

“Eine Menge.”

“Ich bräuchte einen Assistenten. Anderson ist zu nichts zu gebrauchen!”, meinte der Größere beiläufig und sah leicht nach links, zum Fenster, wo er eben noch gestanden hatte.

“Klingt verlockend.” John hob leicht beide Schultern, während er das sagte. Auch er das Sherlock nicht an, sondern starrte auf die schlampig gebundene Krawatte.

Jetzt allerdings sah Sherlock nach unten und suchte Johns Blick, den dieser sofort erwiederte. “Interesse an einer Kostprobe der Deduktion?”

“Unbedingt!”

Sherlock drehte sich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck wieder zur Treppe.

Was ist das bloß für ein Gefühl…

“Mrs Hudson? Der Tee muss leider warten. Wir müssen weg!”, rief er und nahm bereits die ersten Stufen nach unten. John folgte ihm.

“Ihr beide?”, rief sie ihnen nach.

…das sich in meiner Brust ausbreitet?

“Vier unwahrscheinliche Selbstmorde!” Sherlock brüllte fast, als sie unten im Flur standen. “Wie könnte ich zu Hause bleiben, wo es gerade spaßig wird?”

“So viel Freude schickt sich nicht!”, meinte John, doch sein Grinsen konnte er nicht verbergen.

“Ist doch egal, was sich schickt! So eine kleine Moralvorstellung hindert mich sicher nicht daran, mein Hobby auszuleben!” Beide liefen aus dem Haus, auf den Gehsteig. “TAXI!!”

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