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Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Montagsmörder (4. Teil)

Jeder Tag war Rabenschwarz. Alle Farben waren verblasst. Doch eines Tages, als ich einem alten Freund begegnete und er mich mitnahm, war da dieser merkwürdige Kerl.

“Mein Name ist Sherlock Holmes! Und die Adresse ist 221 B Baker Street!”

An jenem Tag kehrte die Farbe in mein Leben zurück.

Das Taxi fuhr von der Baker Street ab und auf die Upper Baker Street.

Sherlock tippte mit fliegenden Fingern Nachrichten auf sein eigenes Handy, John saß schweigend neben ihm, und warf immer wieder einen nervösen Blick zu ihm rüber. Stille herrschte.

“Du hast Fragen?”, fragte Sherlock endlich, ohne von dem Display hoch zu gucken. Sofort antwortete John ihm.

“Wo fahren wir hin?”

“Zum Tatort. Nächste?”

“Was machst du? Also ich meine, du bist doch Student, oder?”

Sherlock antwortete, während er weiter tippte. “Ich gehe auf das University College London.”

“Und wieso fährst du dann zum Tatort?”

“Was glaubst du denn?”

“Als Privatdetektiv, dachte ich…”

“Aber?”

“Die Polizei bittet keine Detektive um Hilfe.” Sherlock drehte sich mit einem kleinen teuflischen Grinsen zu ihm hin.

“Ich bin Consulting Detective, und zwar der Einzige! Wenn die Polizei nicht weiter weiß, holt sie meinen Rat ein.”

“Die Polizei zieht Amateure hinzu?”, rief John überrascht, dann senkte er seine Stimme etwas. “Ich meine, nichts für ungut, aber du bist noch Student!”

“Ich bin 19, das heißt ja nicht, dass ich nicht ermitteln darf. Gestern fragte ich dich, wie das Auslandsjahr in Afghanistan war….”

“Woher wusstest du das?” Das war eine Frage, die John schon die ganze Zeit beschäftigt hatte. Jetzt sprach der Andere es selber an.

“Ich hab es gesehen. Dein Haarschnitt und die Haltung deuteten auf eine gute, Londoner Schule hin, Privatschule wahrscheinlich, und deine Worte, als du in den Keller kamst…

“Hat sich einiges verändert seit der Besichtigung. Das hier war doch mal der Kostümraum!”

“..verraten, dass du bereits einmal dort warst, dies aber bereits ein Jahr her war. Dein Gesicht und deine Arme sind gebräunt, nicht aber dein Handgelenk, an dem sich deine Uhr befindet. Im Sonnenstudio, die einzige Möglichkeit hier in London oder allgemein so weit im Norden braun zu werden, würde man die Uhr abnehmen. Du hinkst zwar, bittest aber nicht um einen Stuhl. Also ist dein Leiden zumindest teilweise psychosomatisch. Ich habe vor einiger Zeit von einem Bewerber für das University College London gehört, der vor seiner Studienzeit ein Auslandsjahr in Afghanistan machen wollte. Er wurde bei einer Prügelei angeschossen, als er versucht hat, dem Sohn seiner Gastfamilie zur Hilfe zu kommen. Der Sohn hat das Ganze nicht überlebt und trotz deines Familiären Vorwissens ist er dir praktisch unter den Händen weg gestorben. Wenn sich das psychosomatische Hinken um eine traumatische Versehrung handelt, dann blieb nur das Schlachtfeld oder dieser gewisse Student im Auslandsjahr. Für das Schlachtfeld bist du sowohl zu jung, als auch zu klein. Am Knie verwundet, Sonnenbräune, ehemaliger Privatschüler? So blieb nur die Frage, ob ich mir den Namen richtig gemerkt hatte. John Watson.”

Die erneute Auffrischung der Prügelei und ihrem Ergebnis, dass dafür gesorgt hatte, dass John beinahe zwei Monate eher nach Hause gefahren waren, verursachen einen riesen Knoten in seinem Hals. Trotzdem zwang er sich, die nächste Frage zu stellen.

“Und das mit meiner Therapie?”

“Du hinkst aus psychosomatischen Gründen, natürlich bist du in Therapie.” Die Selbstverständlichkeit in Sherlocks Stimme erschien auch John allzu logisch. John sah schon wieder aus dem Fenster, doch Sherlock hatte gerade erst angefangen, sein Wissen zu teilen.

“Und was deinen Bruder angeht..”

“Hm?”

“So ein teures Handy, wo du nicht mal alleine die Miete stemmen kannst? Für so etwas gibst du kein Geld aus, also war es ein Geschenk. Und es ist verkratzt. Ziemlich sogar, von Schlüsseln oder Münzen in einer Tasche. Du würdest dieses teure Smartphone niemals so behandeln! Also hat es dir jemand vermacht. Der nächste Schritt war sehr einfach. Die Gravur…”

Harry Watson

“…Harry Watson ist der ehemalige Besitzer, ist aber nicht dein Vater, denn das Modell ist eher was für Jüngere. Es könnte natürlich auch von ein Cousin sein, da du aber mit niemandem eine Wohnung teilen kannst, deutet das auf eine kleine Familie hin. Also gehört das Handy deinem Bruder. Und dann Clara…”

Harry Watson

from Clara

xxx

“…Wer ist sie? Ein teures Handy mit einer eingravierten Widmung. Eine Liebhaberin würde das Risiko nicht eingehen, also Frau. Das Modell ist erst seit sechs Monaten auf dem Markt. Wenn er es nach einem halben Jahr weiter schenkt, muss es wohl Ehekrach gegeben haben. Hätte sie ihn verlassen, hätte er es aus sentimentalen Gründen behalten. Aber er gab es seinem Jüngeren Bruder. Du suchst nach einer Unterkunft, willst ihn aber nicht um Hilfe bitten, das heißt, ihr versteht euch nicht gut. Vielleicht weil du Clara mochtest… Oder weil die seine Trinkgewohnheiten nicht gefallen.” Er holte kurz Luft und ließ John damit Zeit, Fragen zu stellen.

“Woher um alles in der Welt weißt du das mit der Trinkerei?”

“Ach, das geht schnell erklärt.”, meinte Sherlock. “Die Buchse für das Ladekabel ist stark verkratzt, das deutet auf zittrige Hände hindeutet. Solche Kratzer findet man nicht auf Handys von Menschen, die nicht trinken.” Er ließ eine kurze Pause, bevor er den Abschluss setzte. “Ich hoffe, du hast jetzt verstanden!”

“Was verstanden?” John hatte den Anfang des Fadens bereits verloren.

“Dass die Polizei mit mir keinen Amateur hinzu zieht!”

“Ah!” John nickte zustimmend. “Ja, das war… verblüffend gut abgeleitet!” Sherlock sah ihn überrascht an, und dann betont gleichgültig aus dem Fenster. Wieder hielt er ungefähr fünf Sekunden durch.

“Findest du?”, fragte er neugierig.

“Natürlich! Es war höchst außergewöhnlich!”, rief John enthusiastisch.

“Das.. höre ich eher selten…”, murmelte Sherlock.

“Was hörst du denn?” Sherlock erwiderte Johns fragenden Blick mit zusammen gekniffenen Mund.

“Verpiss dich!”, sagte er gerade heraus, und John brauchte einen kurzen Moment, bis er verstand, dass nicht er gemeint war. Dann brach er in Lachen aus.

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