Tell me a story!

Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Montagsmörder (6. Teil)

“Wozu?” John sah ihn fragend an.

“Zu der Leiche. So als angehender Arzt.” Sherlock deutete auf die Leiche.

“Die Obduktion übernimmt unser Team.”, rief Lestrade energisch. “Anderson-“

“Kann mich nicht leiden.”, unterbrach Sherlock den deutlich älteren trocken. “Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Sie wollten doch meine Hilfe!”

“Ja schon…” Lestrade sah geknickt zur Seite. “Also.. Nur zu. Aber du hast nur zwei Minuten. Ich durfte euch eigentlich gar nicht rein lassen!”

“John.”, bat Sherlock erneut.

“Was soll das?”, fragte John mit genervten Gesichtsausdruck.

“Du hilfst mir.”

“Es war nur die Rede davon, dass ich bei der Miete helfe!”, fauchte er leise, bedacht darauf, dass Lestrade ihn nicht hörte.

“Aber das hier macht mehr Spaß!”

“Spaß? Die Frau ist tot, Sherlock, falls du das vergessen haben solltest.”

“Bravourös analysiert. Ich hatte ja gehofft, du gehst etwas weiter.”, erwiderte Sherlock spöttisch. John setzte zu einer weiteren Erwiderung an, dann seufzte er geschlagen und kniete sich neben die Frau. Sherlock hockte sich wie ein neugieriges Kind hinter ihn.

John nahm die Hand der Frau, schnupperte etwas in der Nähe ihres Mundes und öffnete diesen etwas. “Tod durch ersticken, würde ich sagen. Allerdings nicht erst seit heute, wahrscheinlicher ist Samstag. Vielleicht ein Anfall, Drogen, oder Gift. Aber man riecht nichts.”

“Oder Magiiiiieee!!” Sherlock wedelte mit den Armen auf und ab und zog eine Schauermiene, doch damit erntete er nur wenig begeisterte Blicke. Er verdrehte die Augen. “Kommt schon, hat hier keiner Sinn für Humor? – Hast du Zeitung gelesen?”, wechselte er plötzlich das Thema.

“Also..der vierte Serienselbstmord? Wie geht sowas?”, fragte John ratlos.

“Zwei Minuten, Sherlock.”, erinnerte Lestrade. “Hast du was gefunden?”

Ein paar Sekunden lang erwiderte Sherlock einfach nur Lestrades Blick, dann wandte er sich wieder dem Opfer zu.

“Das Opfer ist Ende dreißig und dreifache Mutter.”

“Drei Kinder?!”, wiederholte Lestrade entsetzt, doch Sherlock strafte ihn mit einem bösen Blick zur Ruhe.

“Sie ist zwar berufstätig, das verrät der Ausweis in ihrem Portemonnaie, doch verdient sie ihrer Kleidung nach nicht sehr viel. Sie kommt aus Camberwell, ist mit dem Zug hier her gefahren, um in London ein paar Sachen für den Geburtstag ihrer Tochter zu besorgen. Der ist übrigens in zwei Tagen. Sie ist glücklich verheiratet, ihre Familie bedeutet ihr quasi alles.”

“Ich hoffe, das denkst du dir nicht nur aus.” Lestrades erneute Unterbrechung veranlasste Sherlock dazu, weiter auszuholen.

“Ihr Ehering ist etwa zehn Jahre alt, genau wie der restliche Schmuck wurde er oft gereinigt. Der ganze Schmuck ist aufeinander abgestimmt, das deutet auf einen Job mit viel Menschenkontakt an vielleicht einer Information hin. Tatsächlich arbeitet sie sogar an der Information eines Museums in Camberwell. Der einzige Schmuck, der aus der Reihe fällt, ist das kleine goldene Armband mit Plakette an ihrem rechten Arm. Das haben ihr ihre Kinder vor etwa zwei Jahren geschenkt. Es wurde ebenfalls gereinigt, allerdings sind offensichtliche Spuren daran zu sehen, die zeigen, dass sie es täglich trägt. Das es von ihren Kindern ist, kann man der Gravur entnehmen. Ricky, Sandra und Julian. Sandra hat in zwei Tagen Geburtstag, das steht auf dem kleinen Foto im Portemonnaie. Da sie im Museum lange arbeitet kommt sie erst heute dazu, Geschenke zu besorgen. Dafür war sie in mehreren Läden.”

“Brilliant!”, rief John begeistert, als Sherlock endete.

“Das war einfach.”, sagte dieser gelangweilt. “Das Meiste konnte man in diesem verdammten Portemonnaie lesen. Ehrlich! Wer vergisst denn den Geburtstag seiner Kinder?” Er schien ehrlich entrüstet.

“Und was ist dann passiert?”, fragte Lestrade etwas ungeduldig.

“Das ist einfach.” Der Schwarzhaarige schnaubte entrüstet. “Also ganz ehrlich, das ist doch wohl klar!”

“Für mich nicht.”, merkte John kleinlaut an.

“Für mich auch nicht.”, ergänzte Lestrade. Sherlock starrte beide eindringlich an, bevor er seufzte.

“Wie ist das nur in euren langweiligen, kleinen Hirnen! Ihr kriegt ja nur die Hälfte mit!” Er raufte sich kurz die Haare. “Die Schminke in ihrem Gesicht. Sie ist verwischt! Da es ihr offenbar wichtig ist, dass diese vernünftig sitzt, unter anderem wohl um die ersten Alterserscheinungen zu verbergen, hat sie immer ihr Schminkzeug dabei. Sie würde niemals so schlampig geschminkt außer Haus gehen. Oder so unvorsichtig sein und es selber verwischen. Und dann ihre Haare, ein reinstes Nest. Sie ist zwar liebende Mutter, durchaus aber auch streng und in ihrem Beruf eine Kontaktperson. Sie muss gepflegt sein. Selbst wenn sie plant, sich selbst umzubringen, wieso sollte sie es hier tun? Warum nicht zu Hause? Zumal sie eine glückliche Familie hatte. Vorher auch noch Geschenke besorgen? Und mit wem hat sie so sehr gerangelt, dass ihre Schminke verwischt ist und ein Stückchen weiter auf dem Boden Rückstände davon sind?” Er deutete auf eine Stelle an der Tür, wo man tatsächlich einen leicht rötlichen Fettfilm sehen konnte. “Außerdem gibt es einen gewaltigen Unterschied. Sie hat einen Notruf abgesetzt! Sie hat noch versucht, Hilfe zu rufen! Das tut man nicht vor einem Selbstmord!” Er stürzte zur Tür und war bereits halb die Treppe runter. Lestrade stürzte hinterher.

“Was heißt das denn?”rief er. Sherlock blieb mitten auf der Treppe stehen.

“Wie bitte, was das heißt?” Er breitete die Arme aus. “Es gibt doch klare Anzeichen! Das müsstet sogar ihr sehen!”

“Na danke auch! Und sonst?” Lestrade und John beeilten sich, Sherlock hinterher zu kommen, der bereits weiter lief.

“Es sind Morde!”, rief dieser freudig. “Ich habe keinen blassen Schimmer, wie, aber es sind keine Suizide! Es ist ein Serienmörder!” Mitten in der Eingangstür auf dem Weg nach Draußen blieb er stehen und starrte plötzlich, immer noch mit freudigen Gesichtsausdruck, direkt in eine Kamera. John knallte fast in seinen Rücken.

“Stimmt das? Ein Serienmörder? – Sie sind Sherlock Holmes, oder? -…Consulting Detective…- weitere Leiche…- Montagsmörder…- Serienmörder– Detective Inspektor Lestrade, was sagen sie dazu?”

“VERDAMMT, DAS IST EIN TATORT! VERSCHWINDET!”, brüllte Lestrade aufgebracht und direkt in die Kamera. Er schob Sherlock und John voran auf einen Mann zu, der durch die Menge auf sie zu kam.

Er trug einen schwarzen, teuren Anzug, und ging schnurstracks auf Sherlock zu und packte ihn grob am Arm. “Da hast du dir ja was Feines eingebrockt!”, murrte er kaum hörbar. Er war genauso groß wie Sherlock, allerdings etwas übergewichtig. Er hatte helle, graue Augen, und eine dunkle Halbglatze. “Und wer ist das?”, fragte er harsch und nickte in Johns Richtung, während er John und Sherlock möglichst von Schaulustigen abgeschirmt zu einer schwarzen Limousine führte.

“Mein Assistent.”, erklärte Sherlock erneut. John fiel auf, dass er gar nichts gegen den anderen entgegnete, also kannten sie sich wahrscheinlich.

Als sie alle drei im hinteren Teil der Limousine saßen, fuhr das Auto sofort los und teilte die Menge an Reportern, die sich darum gesammelt hatte.

“Du machst auch nur das, was du willst, oder?” Der etwas Ältere saß ihnen mittlerweile gegenüber, mit einem überschlagenen Bein, und einem leichten Grinsen im Gesicht.

“Du kennst mich doch.”, antwortete Sherlock gleichmütig, lehnte seinen Kopf gegen das Fenster, und streckte die langen Beine aus.

“Besser als mir lieb ist.”

“Ja. Hi.”, mischte John sich etwa unsicher in das vertraute Gespräch ein, und beide drehten sich fast synchron zu ihm um, und sofort fühlte John sich, als säße er in der Falle. Was zum..?!  “Ehm, ich bin John. Freut mich, Sie kennenzulernen, wer auch immer Sie sind.” Er bot dem Fremden die Hand an, der sie mit einem entschuldigenden Lächeln nahm.

“Verzeihung, ich hab mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Mycroft. Mycroft Holmes.”

“Mein Bruder.”, ergänzte Sherlock.

Leave a Reply