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Fanfiction, Prosa und Projekte – made by Carnifex.

Montagsmörder (7. Teil)

“Ich wusste gar nicht, dass du einen Bruder hast.”, sagte John überrascht. Sherlock zuckte betont gelangweilt mit den Schultern.

“Ist auch Nichts, womit ich gerne angebe.”, erwiderte er trocken und starrte weiterhin aus der getönten Fensterscheibe.

“Mein kleiner Bruder zieht es vor, unabhängig zu sein. Wozu das führt, haben wir ja gerade gesehen.” John fiel auf, dass Mycroft leicht nasal redete, als wäre seine Nase verstopft.

“Naja, also ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie uns da raus geholt haben.” John lächelte etwas.

“Oh bitte, Mycroft reicht.” Mycroft winkte ab. “Keine so förmlichen Anrede. Zumal du ja meinem Brüderchen hilfst.” John sah verwirrt zu Sherlock.

“Ihm helfen?”, fragte er nach, als Sherlock keine Anstalten machte, das zu erklären.

“Die Miete, sein Sozialleben, sein morbides Hobby.”, listete Mycroft auf. Sherlocks Kopf schnellte hoch.

“Morbide?”, hakte er mit misstrauischen Tonfall nach.

“Ja, klar.” Mycroft seufzte. “Du spielst Detektiv.”

“Ich bin einer! Consulting Detective!”, erwiderte Sherlock aufbrausend. “Wenn du nur halb so viel tun würdest, wie du redest-“

“Halt, halt, halt! Darf ich dich daran erinnern, wer ich bin?”

“Ein langweiliger, träger Politikberater.” Sherlock schnaubte. “Du sitzt die ganze Zeit in deinem Klub der ungeselligsten Männer in London-“

“Der Diogenes-Club, Sherlock!”

“-und frisst dich voll bis in den Tod-“

“Gegen ein paar gute Mahlzeiten lässt sich nichts einwenden!”

“-und nervst mich hin und wieder.”

“Das ist mein Job!”

Die beiden Brüder starrten sich an und keiner schien den Blick abwenden zu wollen. Bis John sich räusperte. Sofort fuhren beide zu ihm herum.

“Was genau ist mit seinem Sozialleben gemeint?”, fragte er vorsichtig nach. Mycroft begann diabolisch zu Grinsen, während Sherlock frustriert seufzte.

“Musste das jetzt sein, John?”

“Ich verstehe es nicht so ganz, daher frage ich.” John zuckte mit den Augen. “Ihr seid ja anscheinend so viel schlauer als ich.”

“Sind wir”, bestätigte Mycroft nebensächlich, winkte aber erneut ab. “Es geht darum, dass Sherlock kein Sozialleben hat.”

“Mein Sozialleben ist in bester Ordnung!”, fauchte Sherlock und John fühlte sich mehr und mehr unwohl, diesem Geschwisterstreit beizuwohnen.

“Sherlock, entweder du bindest jedem auf die Nase, mit wem er die letzte Nacht Sex hatte”, John musste an die vorherige Begegnung mit Sally Donovan denken, “oder du vergraulst sie mit deinem furchtbaren Geigengejaule!”

“Ich sagte ja: Mein Sozialleben ist in bester Ordnung!” Damit war für Sherlock das Thema beendet und er starrte wieder aus dem Fenster, an dem die Häuserfassaden Londons vorbei flogen.

Für Mycroft war das Thema allerdings noch immer nicht beendet. “Ich finde es jedenfalls sehr schön, dass Sherlock jetzt jemanden hat, an den er sich wenden kann-“

Sherlock stöhnte betont genervt und griff in die Jackentasche, wo er zu Johns Erstaunen Kopfhörer raus zog. Als Sherlock den Anschluss in sein Handy und die Knöpfe in die Ohren gesteckt hatte, grinste er zufrieden.

“Jetzt kannst du weiter reden.”, meinte er mit großzügiger Miene zu Mycroft und wandte sich wieder ab. Mycroft sah seinen Bruder noch eine Weile schweigend an.

“Ich wusste gar nicht, dass er Kopfhörer hat.”, murmelte er dann überrascht.

“Das bringt dich jetzt so aus dem Konzept?” John schien amüsiert und Mycroft zuckte mit den Schultern.

“Ich sollte mich daran gewöhnen, dass er seltsame Eigenarten hat…” Mycroft schüttelte kurz den Kopf. “Also, wo war ich. – Ach ja!” Er räusperte sich, um wieder auf seinen vorherigen Punkt zu kommen. Sein Gesichtsausdruck war jetzt geschäftsmäßig, als er sich zurück lehnte, und seine Stimme ebenso. “Kurz gesagt: Ich will, dass du auf ihn aufpasst!”

“Was?” John sah Mycroft überrascht an. Der Themenwechsel kam ziemlich plötzlich. “Ich denke, dass Sherlock ziemlich gut auf sich selbst aufpassen kann.” Er warf einen Blick auf seinen neuen Mitbewohner, der teilnahmslos links neben ihm saß, aus dem Fenster sah und im Takt seiner Musik mit dem rechten Zeigefinger auf das Display seines Handys tippte, das neben ihm auf der ledernen Sitzfläche lag. “Ich meine, er ist ja kein kleines Kind mehr!”

“Sherlock ist rein theoretisch gesehen zwar fast zwanzig Jahre alt, allerdings ähnelt sein Verhalten tatsächlich eher dem eines Kleinkindes. Das solltest du mittlerweile wohl gemerkt haben.”, erklärte Mycroft nüchtern.

John dachte an Sherlocks unbegründete Abneigung gegenüber Anderson. Er hatte gesagt

[style type="italic"]"Ich mag ihn
nicht!"[/style]

und dabei geschmollt. Dann hatte er dem Forensiker anhand seines Deos seine Beziehung erzählt.

Er erinnerte sich an Sherlocks Gehampel und die schlechten Witze, als er über der Leiche von [style type=”italic”]Magiiiiieee[/style] gesprochen hatte.

Wie er sich gefreut hatte, als er heraus gefunden hatte, dass es doch einen Serienmörder gibt.

John schmunzelte etwas. “Vielleicht ein bisschen.” Mycroft schien seine Belustigung gar nicht zu registrieren.

“Und er ist zu unvorsichtig. Er stürzt sich immer Kopfüber überall rein, ohne auf Risiken und Nebenwirkungen zu achten.”

“Ich glaube, das ist eben so seine Art.”

Mycroft sprach unbeirrt weiter. “Ich mache mir Sorgen um ihn. Mehr nicht. Daher möchte ich dich bitten, auf ihn aufzupassen.”

“Ich bin nicht sein Kindermädchen.”

“Ich würde dich bezahlen. Du sagst mir, was er gerade für Fälle hat, woran er arbeitet, was er plant, wie es ihm geht.”

“Ich bin auch kein bezahltes Kindermädchen.”, widersprach John düster.

“Du würdest das Geld für die Miete kriegen, und noch mehr, so dass du mehr als über die Runden kommst! Du könntest dich ganz auf dein Medizin Studium konzentrieren!” Der geschäftige Ausdruck in Mycrofts Gesicht war John beinahe unheimlich.

“Ich werde jetzt nicht fragen, woher du das mit dem Studium weißt, aber Danke, kein Interesse!”

“Warum nicht?!” Mycroft raufte sich durch seine wenigen Haare.

“Ich werde ihn nicht einfach so hintergehen.” Johns Stimme klang fest und bestimmt als er das sagte. “Wir sind Mitbewohner. Ich bin weder sein Kindermädchen, noch werde ich ihn überwachen! Vielleicht assistiere ich ihm ab und zu, aber ich werde mich nicht unnötig in sein Leben oder seine Familie einmischen.”

Mycroft starrte John durchdringlich und böse an, bis die aufsteigende, unangenehme Stille von Sherlock unterbrochen wurde.

“Wir sind da!” Sie hielten tatsächlich vor der 221B Baker Street, und Sherlock öffnete bereits die Tür, noch bevor die Limousine komplett stand. Er hatte im Aussteigen die Kopfhörer wieder in die Jackentasche gesteckt und streckte sich jetzt, als sie das Auto verließen und er auf dem Bürgersteig stand.

Mycroft blieb sitzen, lehnte sich aber heraus.

“Melde dich, Sherlock!”, bat er, obwohl es mehr wie ein Befehl klang.

“Vielleicht.”, antwortete Sherlock gelangweilt und schlug die Autotür vor der großen Nase seines Bruders zu. Dann lief er schnurstracks auf die Tür zu, die bereits geöffnet wurde, bevor er und John sie erreicht hatten.

Mrs Hudson hatte sie geöffnet und sah den beiden mit sorgenvoller Miene entgegen. In der Hand hielt sie etwas.

“Du hast deine Krücke vergessen, Johnny!”, begrüßte sie ihn und John sah überrascht auf den Stock, den sie in der Hand hielt, dann auf seine eigene, leere.

“Oh..”, sagte er und vergaß ganz, sie darauf hinzuweisen, dass es völlig reichte, ihn John zu nennen.

“Psychosomatisch!” Sherlock gab ein zufriedenes Schnauben begleitet von einem leichten Grinsen von sich. “Sagte ich ja!” Dann drückte er sich an Mrs Hudson vorbei, deren Umarmung er damit entkam, und lief, wieder einmal Doppelstufen nehmend, nach oben.

John folgte ihm erst nach einiger Zeit, da er Dank Sherlocks Flucht gleich zwei Umarmungen über sich ergehen lassen musste.

Als er oben im Wohnzimmer ankam, hockte Sherlock bereits auf einem der Sessel, barfuß, die Knie angezogen. Den Mantel hatte er wieder achtlos über einen der Stühle geschmissen.

“Du hättest das Geld nehmen sollen.”, sagte Sherlock abwesend, während John seine eigene Jacke auszog und an einen der dafür vorgesehenen Haken hängte. “Dann hätten wir es teilen können.”

 Überrascht drehte John sich um.

“Ich dachte, du hättest Musik gehört!” Sherlock brummte.

“Als ob ich mit sowas meine Aufmerksamkeit schmälern würde. Ich hatte die Kopfhörer drin, allerdings habe ich gar keine Musikdateien auf dem Handy.”

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